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Brasilien und die deutsch-brasilianische Kolonie Blumenau / von [Karl A.] Wettstein
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Die Komark Blumenau. Volksleben.

Volksleben.

Das gebirgige Urwaldland der Komark Blumenau verrät uns nichts von der Vergangenheit seiner Bewohner. Die auf niedrigster Stufe stehenden In­dianer weichen scheu zurück und an eine Erziehung zur Seßhaftigkeit und zum Ackerbau war bisher nicht zu denken. Ob die Indianer aus grauer Vor­zeit Sagen von Kind zu Kind, von Stamm zu Stamm überliefern, ist uns un­bekannt, denn keines weißen Mannes Auge hat einen der im Urwald erwach­senen Indianermänner geschaut, es sei denn im Augenblick des Todes für den Weißen oder den Farbigen. Keinerlei Inschriften, die die geschichtlichen Ereignisse festhielten, sind bisher gefunden, nur die Skelettfunde in den Muschelbergen, Sambarquis (Tafel III), an der Küste, neuerdings die sehr alten Indianergräber von Itajahy und die kürzlichen Funde am Südarm beweisen uns, daß hier schon Hunderte von Jahren vor Landung der ersten Europäer Menschen hausten.

Die Vorgänge heutigen Blumenauer Geisteslebens wurzeln des­halb im deutschen Volksleben! Es ist nur die Frage, ob die junge Ko­lonie dieses Volksleben, das sie gar nicht auszurotten vermocht hätte, würdig weitergebildet hat? Und da erkennen wir, daß von einer eigenen Vorwärts­entwicklung des Geisteslebens in keiner einzigen deutsch-brasilianischen Ko­lonie die Rede ist, ja daß lediglich die Aufgabe der Erhaltung der Kultur und diese nur in einzelnen Kolonien, wie z. B. in Blumenau, gelungen ist. Es fehlt eben gerade auf dem Gebiet des Volkslebens der Kolonie eine vollgültige Unterstützung eines Mutterlandes. Es fehlt dem deutschen Süd­brasilianer zur Eigenentwicklung an einem ebenbürtigen Wettstreben der Nachbarschaft. Auch in den Vereinigten Staaten leisten nach M. Sering 1 ) die Deutschen dort am meisten, wo sie mit Nordamerikanern zu konkurrieren haben. Es genügt nicht, meint zutreffend Ballod in seiner Abhandlung über Sta. Catharina, Kolonisten aus alten Kulturländern unter kulturell niederer stehende Leute anzusiedeln, sondern bei der Verschiedenheit der Verhältnisse der einzelnen Länder muß erst durch Leitung und Beispiel Sorge getragen werden, daß die Kolonisten nicht selbst auf einen tieferen Standpunkt herab­sinken. Damit hat Ballod zugleich einen Fingerzeig gegeben, was zu ge­schehen hat. Kirche, Schule, Musterkolonien, Fachvereine und eine gut ge­leitete Presse sind ein dringendes Erfordernis, zu dem das deutsche alte Mutterland Muster und Mittel zu schaffen hätte.

Staatswesen und Verwaltung der neuen Heimat Brasilien weisen die gemeinsamen Charakterzüge der latinoamerikanischen Länder auf. Große politische Gegensätze trennen die deutschen Einwanderer von dieser Auffas­sung nach Abstammung, Wirtschaftsleben, ererbter Kultur, Auffassung von

*) Vgl. M. Sering, Landwirtschaftliche Konkurrenz Nordamerikas.