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Brasilien und die deutsch-brasilianische Kolonie Blumenau / von [Karl A.] Wettstein
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Die Komark Blumenau. Allgemeiner Koloniecharakter.

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Veranlagung dieses Erdstrichs beendigt. Die Wechselwirkungen dieser Tat­sachen mit dem wirtschaftenden Menschen spielen sich zunächst in der ge­schichtlichen Entwicklung wieder, die ebenfalls wie die Einwanderungsfrage und die Gestaltung des deutschen Elementes gemeinsam mit dem Thema Bra­silien und Sta. Catharina behandelt wurde. Auch über die Verfassung und Steuerpolitik des Munizips, wie sie durch Bund und Staat bedingt werden, ist gemeinsam mit diesen Organen berichtet worden.

Nunmehr tritt die Aufgabe an uns heran, die heutige Verwertung der natürlichen Verhältnisse durch den wirtschaftlichen Menschen darzutun.

Allgemeiner Koloniecharakter.

Lassen wir zunächst zur besseren Orientierung den Leser einen Blick aus der Vogelperspektive tun (Tafel I). Er erkennt als Ergebnisse der Ein­wirkung der Menschen auf die Natur ein deutsches Landschaftsbild, deutsch der Aufbau, deutsch auch die herrschende Bevölkerung. In die zusammenhängende grüne Wand gebirgigen Urwaldes sind liebliche Täler mit saftigen Wiesen und fruchtbringenden Äckern geschnitten, anmutige Höfe und einzelne kleine Ansiedlungen schieben sich in die Landschaftsbilder ein und erhöhen den Reiz dieses Bildes, das unsere Gedanken aus diesem deutsch­brasilianischen Landstrich zurückführt in die alte Heimat: ins Vaterland!

Das Munizip Blumenau hat bis heute auch in seinen älteren Distrikten den Charakter einer gesonderten Kolonie gewahrt und die Verschmelzung mit den deutschen Nachbarkolonien ist kaum eingeleitet. Von den auf dem Hochland angrenzenden brasilianischen Viehzüchtern ist die Kolonie durch waldiges Randgebirge kulturell und wirtschaftlich getrennt und sonst grenzt sie an den unbevölkerten oder nur spärlich mit jeder Kultur abholden Indianerhorden bevölkerten Urwald, in dem die Besiedlung nur strichweise und zunächst auf die Täler beschränkt hereindringt. Vor größeren Kultur­arbeiten wie Flußübergängen oder Felssprengungen schreckt die Besiedlung noch heute zurück; im Überfluß schwelgend und im Raubbau arbeitend gibt sie Felder dem Wald wieder zurück (Capoeira). Eine feste wirtschaft­liche Arbeitsteilung sieht man erst entstehen: es offenbart sich auch hier der Jugendzustand dieses Neulandes, das auf sich selbst und eigene Kraft an­gewiesen so lange Jahre zu seiner volkswirtschaftlichen Entwicklung brauchte, weil es nicht nur die Vorteile anderer Kolonien, eine genügende materielle und ideelle Unterstützung des Mutterlandes, nämlich Deutschlands, vermißt, sondern im Gegenteil wegen dieser heimatlichen Zugehörigkeit von dem neuen Vaterland, Brasilien, und seinen Nativisten immer wieder angefeindet wird und sich wirtschaftlich zurückgesetzt sehen muß!

Und doch bietet diese Kolonie Deuschland fast die Vorteile reichs­eigener Kolonien, ohne unsern Etat mit Verwaltungskosten zu belasten. Der Wert solcher deutschen Kolonien unter fremder Flagge steigt um so mehr, als