Ansmasweise Abschrift zu I V. 455. 16.
Anlage 95.
Königliches Amtsgericht München.
München, den 22. Februar 1916.
Gegenwärtig:
Der Präsident des Königlichen Amtsgerichts München Ziegler als Richter,
Gerichtsassistent Klebl
als stellvertretender Gerichtsschreiber.
Auf Vorladung erschien heute der nachgenannte Zeuge nnd gab nach Ermahnung zur Wahrheitsangabe an:
Ried, Markus, München, Nymphenburger Straße 191, Bayer, geboren am 8. Januar 1886 in München, ledig, landwirtschaftlicher Sachverständiger bei dem Gouvernement Kamerun.
... Ich erkrankte dann an Blutvergiftung und kam in das Hospital nach Ossidiuge, von da aus kam ich nach Dschang. Drei Tage nach meiner Ankunft wurde die Station von den Deutschen geräumt.
Von dort aus wurde ich auf der Bahn nach Duala geschafft. Hier blieb ich in englischer Gefangenschaft in dem Gebäude der Basier Missionshandlung bis Ende April 1915, dann wurden wir Gefangene auf den Dampfer »Hans Woermann« gebracht. Der Dampfer blieb mit uns 3 Wochen lang in der Kamerunflußmündung, wir fuhren hierauf nach Liverpool und kamen dort am 16. Juni 1915 an.
Am Tage nach der Ankunft der englischen Truppen wurde dem Missionar Pater Ruf erklärt, daß alle Gebäude von Dschang, auch die Missionsgebäude, zerstört werden sollten. Der Grund hierfür, sagten mir englische Offiziere, sei, daß die zurückkehrenden Deutschen keine Wohnungsgelegenheit mehr haben sollten. Ich habe, als ich mit den anderen Gefangenen am 6. Januar weggebracht wurde, selbst gesehen, wie das Stationsgebäude in Flammen stand und daß die landwirtschaftliche Station bereits von dem Erdboden versckwunden war.
Alle Gefangenen hatten sehr unter der schikanösen Behandlung des englischen Polizeileutnants 81o^1e.^ zu leiden. Jede Bitte oder Beschwerde, auch von Frauen,
wurde mit dem Hinweis auf Belgien oder mit der Drohung, in Einzelhaft in das Negergefängnis gebracht zu werden, abgetan.
Auf der vorderen und Hinteren Veranda des 1. Stockes stand je ein schwarzer Soldat mit aufgepflanztem Seitengewehr. Es wurden manche Klagen über Belästi- gungen der weißen Frauen durch die schwarzen Wachen laut. Besonders in Mondnächten fanden regelmäßig Diebstähle statt, die offenbar von den schwarzen Soldaten herrührten. Beschwerden hierüber und Anzeigen wurde niemals stattgegeben, sondern sie wurden nur mit dem Hinweise abgetan, daß in einem Lager, wo so viele Menschen zusammen- wohnen, Diebstähle immer vorkämen. Dies sagte 81orvl6) . Besonders unangenehm wurde die Verordnung empfunden, daß in unseren Wohnungen alle Lichter um 8 Ilhr 30 Minuten abends gelöscht sein mußten. Bei allen Eingeborenen Dualas und in allen Häusern brannten die Lichter bis gegen 12 Uhr. In der Dunkelheit wurden wir natürlich sehr von Moskitos zerstochen.