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Verhalten der englischen und der unter englischem Oberbefehl stehenden französischen Truppen gegen die weiße Bevölkerung der deutschen Schutzgebiete Kamerun und Togo / Reichs-Kolonialamt
Entstehung
Seite
143
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Auszugsweise Abschrift zu IV. 305.

Anlage 36.

Königliches Amtsgericht Berlin-Mitte.

Abteilung 92.

Gegenwärtig:

Berlin, den 16. Februar 1916.

G. A. Du. Hamburger als Richter,

B. G. Zernickow

als Gerichtsschreiber.

In dem zur Vernehmung anberaumten Termine erschien auf Ladung: Frau Mülling. Die Zeugin wurde auf die Bedeutung des Eides hingewiesen und erklärte:

Zur Person: Gertrud Mülling, geb. Giehmann, Charlottenburg, Erasmus- straße 13, geboren am 20. Januar 1885 in Schöneberg, verheiratet mit dem Gouvernements­sekretär Karl Mülling.

Zur Sache: Zur Zeit des Kriegsausbruchs hatten wir unseren Wohnsitz in Duala. Am Tage, als Duala von den Engländern besetzt wurde, wurde mein Mann im Garten des deutschen Gouvernementsgebäudes, wo er sich gerade befand, festgenommen. Mir selbst ging es ebenso, als ich mich in den Garten auf die Suche nach meinem Mann begab.. Es wurde verboten, uns aus dem Garten zu entfernen, und wir mußten bis zum Nachmittag in dem Garten bleiben. Am Nachmittage des Tages unserer Verhaftung wurden wir, d. h. mein Mann, ich und eine große Anzahl anderer Deutscher, die in Duala festgenommen worden war, auf einen englischen Dampfer gebracht, mit dem wir nach Lagos fuhren. In Lagos wurde mein Mann und ich und eine große Anzahl anderer Deutscher in Baracken einquartiert, die sonst als Gelbfieberbaracken dienten. Hier waren wir 2 oder 3 Tage. Mein Mann und ich hatten zusammen eine,! Raum inne. Dieser Raum war nur mit 2 Bettstellen möbliert. Wir wurden von Schwarzen bewacht. Nach 3tägigem Aufenthalt in dieser Baracke wurden wir mit der Bahn in eine über 100 1cm im Innern der Kolonie befindliche Ansiedlung über­geführt. In dieser Ansiedlung waren wir 3 Wochen eingesperrt. Das Lager befand sich anf einem rings umzäunten Platze. Die Verpflegung war unsauber zubereitet. So fanden wir Maden in der Suppe, Sand im Fleisch und ähnliche Unreinlichkeiten. Unsere Bewachung wurde durch schwarze Soldaten gestellt. Unsere Bedienung bildeten schwarze Sträflinge. Diese zeigten uns gegenüber oft ein freches Benehmen. So kam es vor, daß sie, wenn wir von ihnen irgend etwas verlangten, patzig erwiderten, wir hätten gar nichts zu verlangen, wir seien ja auch nur Gefangene wie sie. Gegen der­artige Dreistigkeiten wurden wir von den Engländern, denen die Leitung oblag, nicht genügend geschützt. Einen Offizier oder höheren Beamten bekamen wir überhaupt nicht zu sehen. Das Lager wurde mehrmals von einem englischen Arzt besucht. Ich hatte den Eindruck, daß der Arzt in der Behandlung der Erkrankungen wenig erfahren war. Die Wegführung der Deutschen war so plötzlich erfolgt, daß die wenigsten Ersatzkleidungs­stücke bei sich führten. Einige waren überhaupt nur mit Hemd und Hose bekleidet aus Duala weggeschafft worden.

Unsere gesamte in Afrika befindliche Habe bis auf wenige Kleidungs- und Wäsche­stücke haben wir in Duala zurückgelassen. Das Haus, in dem sich unsere Sachen befinden, ist offen zurückgeblieben.

Vorgelesen genehmigt unterschrieben, gez. Gertrud Mülling.

Die Zeugin leistete den Zeugeneid.

gez. vr. Hamburger.

gez. Zernickow.

tz