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Auszugsweise Abschrift zu IV. 2W5.15.
Anlage 13.
Amtsgericht,
Abteilung für Requisitionen in Strafsache». Hamburg, den 5. August 1915.
Gegenwärtig:
Ak. Gieß
als Richter,
Lange
als Gerichtsschreiber.
Es erschien auf Ladung die Zeugin Meyer.
Nachdem die Zeugin auf die Bedeutung des Eides hingewiesen und vor den folgen des Meineides verwarnt worden war, wurde sie vorschriftsmäßig beeidigt.
Sie erklärte:
Zur Person: Charlotte Dora Meyer. Fuhlsbütteler Straße 34 pt., bei den Eltern. Hamburg. Geboren 9. November 1894 zu Hamburg. Ledig.
Zur Sache: Ich geriet am 28. September 1914 bei der Übergabe Dualas in englische Gefangenschaft. Bei meiner Gefangennahme erhielt ich von einem schwarzen französischen Soldaten, anscheinend Kongoneger, einen Kolbenstoß vors Gesäß, weil ich stehen blieb. Noch heute verspüre ich bei schlechtem Wetter infolge dieses Schlages Schmerzen.
Den ersten Tag verbrachten wir in dem dortigen Hospital, wurden dann auf dem Dampfer »Lutllur8t« nach Lagos transportiert, dort von dem Dampfer übernommen, der uns nach Accra brachte. Dort wurden wir 7 Wochen im' Missionshaus untergebracht. Die darauffolgenden 14 Tage verbrachten wir mit den männlichen Gefangenen zusammen in einer technischen Schule. Anfang Dezember brachte uns der Dampfer über Gibraltar nach Liverpool, wo wir 2 Tage nach Weihnachten ein
trafen. Über London, Holland gelangte ich dann am 2. Januar 1915 nach Deutschland.
Ungefähr am 5. November in Accra wurde ein englischer Arzt — Name unbekannt — zu meiner Zimmergenossin Frau Damköhler, Ehefrau eines deutschen Försters in Kamerun, gerufen. Er war anscheinend in animierter Stimmung. Nach der Untersuchung fragte mich dieser Arzt auf englisch, ob Frau Damköhler in letzter Zeit ihre Regel gehabt habe. Als ich ihm erklärte, daß ich ihn nicht verstehen könne, zeigte er mir seinen entblößten Geschlechtsteil und sagte auf deutsch: »Dies in rot«. Meiner Überzeugung nach sprach er so fließend deutsch, daß er sich mit mir hätte verständigen können, ohne sich derartig zu zeigen. Bei dem geschilderten Verhalten machte er einen Schritt auf mich zu, worauf ich fortlief.
Auf dem Dampfer sind Frau Damköhler und ich wiederholt von
englischen 8t6^arÜ8 an der Brust angefaßt worden.
Die Verpflegung auf den Seetransporten war durchweg schlecht. Ich leide heute noch an Magenbeschwerden.
Vor der Abreise von Duala kamen englische Offiziere an Bord des Dampfers »8atllur8t«, nahmen allen Gefangenen das mehr als 100 Mark betragende Geld ab und fuhren damit an Land, mir wurden 436 Mark abgenommen.
Vorgelesen genehmigt unterschrieben, gez. Dora Meyer, gez. Sieß. gez. Lange.