Joinville, 12. October 1894.
Am 5. October früh Passirten !vir die Barre von San Francisco und gingen eine Stnnde nnterhalb des Hafens vor Anker, wo wir von einem Boote abgeholt wurden, das uns an Bord des nach Joinville verkehrenden Flußdnmpfers brachte. Nach der an Bord des „Porto Alcgre" befindlichen Spczialkarte ist die geringste Wnssertiese bei niedrig Wasser 4,2 Faden, also etwa 25 Fuß. Es entspricht das der mir hier gewordene!! Mittheilung, daß die brasilianische Flotte bei niedrig Wasser nnd unter besonders ungünstigen Wasserverhältnissen mit ihren großen Panzerschiffen die Barre pnssirt habe.
Die Bai von San Franciseo ist Wohl einer der schönsten Seehäfen der Welt und kann den Vergleich mit der von Nio de Janeiro ohne Bedenken aushalten. Es ist ein weites, tiefes Wasserbecken, nach dem Meere zn geschützt durch die gleichnamige Insel. Der Hafenplatz San Francisco selbst, welcher auf der Insel liegt, ist ein elendes Nest, das schwerlich jemals Bedeutung erlangen wird, wenn man nicht etwa einen der beiden Meeresarme für den Ban einer Eisenbahn überbrückt, was erhebliche Kosten verursachen würde. Der natürliche Hafenplatz liegt an der Festlandküste der Bai westlich von San Franciseo bezw. ans der Jlhn do Mel, etwa eine Stnnde unterhalb Joinville und wird erst, was nur eine Frage der Zeit sein kann, eine Bahn von Joinville in das Innere bezw. die Küste entlang gebaut, so wird sie ihren natürlichen Ausgangspunkt an diesem Platze haben, wo überall tiefes Wasser ist, dann wird aber auch San Franciseo als Hafeuplntz verschwinden. Bis dabin müssen alle von und nach Joinville gehenden Passagiere uud Waareu in San Franciseo umgeschifft werden. Nach Joinville hinauf geht nur ein kleiner Fluß, der Cachoeira, der bei Fluthzeit am Hasen von Joinville zwei Nieter Wasserstand hat, so daß kleinere Fahrzenge bis Joinville gelangen können. Bemerken tvill ich noch, daß die Bai von San Francisco der einzige brasilianische Hafenplatz am Festland südlich von Santos ist, der für Seeschiffe von größtem Tiefgange jeder Zeit zngängig ist. Bei der weiteren Eutwickelung der Südproviuzeu wird dieser Hasen daher eine große Zuluuft haben.
Wir mußten bis zum Eintritt der Fluth in San Francisco warten nnd sichren Mittags mit dein Flußdampfer nach Joinville weiter, wo wir nach 2 ^ stündiger Fahrt anlangten. Die Fohrt über die Bai gehört zu deu schönsten Fahrten deren ich mich entsinne. Im Osten das malerische Gebirge der Insel San Francisco, während der Blick nach Süden, Westen nnd Norden über die mächtige Bergkette der Serra und die grüuen Bvrberge schweift.
Im Hafen von Joinville lagen mehrere kleine Schmier, wie dieselben im Küstenverkchr verwendet werden, und luden Mate, den Hauptaussühr-Artikel Joiuvilles. Der erste Eindruck des Ortes wirkt befremdend. Während die brasilianischen Städte regelmäßig von dichten Häuserreihen besetzt sind, liegen die kleinen einstöckigen Häuser Joiuvilles, von freundlichen Gärten nnd Pflanzungen umgeben, weit verstreut an den geraden Straßenzügen, etwa erinnernd an vorstädtische Straßen eines kleineren deutschen Landstädtchens. Noch befremdender ist der Eindruck, wcun man hinausfährt in die auf das Land führenden Straßen. Auf beiden Seiten sieht man nichts als mit einzelnen niedrigen Büschen bedeckte Flächen, hin und wieder ein kleines Haus mit einzelnen Nebengebäuden. Wer, wie ich, erwartet hatte hier bei den deutscheu Kolonisten stattliche Wohn- und Wirtschaftsgebäude zu fiudeu, wird Anfangs recht enttäuscht sein. Vergebens auch sucht das Auge weite Wcidestrecken und große Anbanflächen.
Erst allmählich lernt man die Eigenthümlichkeiten dieser von der unsern durchaus nbweicheudeu Art des Anbaues und des Wirthschaftsbetriebes beurtheilen.
Die bnschbestandenen Flächen, welche die Landstraßen einsäumen, siud die Weideplätze der Kolonisten-Niederlassungen und das Buschwerk selbst bildet eiueu Theil des Futters für das weidende Bieh. Die angebauten Flächen aber liegen weit ab von der Straße hinter den Wohnnngen der Kolonisten.
Die Wirthschaftsgebäude beschränken sich ans Wagenremisen, zn denen hie und da Unter- schlupsräume für das Vieh hinzukomme!!. Stallungen, wie sie in nnserm landwirthschaftlichen Betriebe nothwendig sind, brancht man hier nicht, da Pferde, Rindvieh, Schweine !c. Jahr ans Jahr ein ihren Anfenthalt auf der Weide finden. So umfaßt denn die Wohnung des Kolonisten nichts als Wohn- uud Schlasräume, selbst die Hansdiele kennt man hier nicht, vielmehr führt die Hausthüre direkt in das Wohnzimmer bezw. bei größeren Hänsern direkt in den Saal, Küche und Wirthschaftsränme siir
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