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[Bd. 5] (1895) Australien und Ozeanien : eine allgemeine Landeskunde / von Wilhelm Sievers
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ohne Zweifel beeinflußte Halbkultur entwickelt, die wir in Stantenbildung, ausgebildeten sozialen Einrichtungen und namentlich einer überaus reichen Kunst erkennen, die sich vorzugsweise in Schnitzereien an Geräten, Schmuck und Waffen gefällt, in der Tättowierung aber auch auf den menschlichen Körper übertragen worden ist. In dieser Beziehung sind auch die Mikronesier und Melanesier weit vorgeschritten, obwohl sie im übrigen gegen die Polynesier, namentlich in Bezug auf Staatenbildung und politische Organisation, zurückstehen. Ackerbau ist auf allen Südsee-Jnseln die Grundlage des Wohlstandes der Bevölkerung. Er gründet sich auf die Kokos­palme, den Brotfrnchtbanm, Pandanus, Tarö und die Banane, doch werden auch die Sagopalme, Mins und Bataten, Zuckerrohr, die Arekapalme und Betelnuß angebaut. Im ganzen ist aber auch der Ackerbau in Polynesien höher entwickelt als in Melanesien, und hier wieder auf den östlichen Inseln höher als auf den westlichen, während das Festland Australien bis zur Besie- delung durch Weiße von derartiger Kultur nicht die geringste Spur auswies. Die Viehzucht beschränkte sich aus Mangel an Nutztieren auf das Schwein und den Hund, die selbst auch nicht einmal überall vorhanden waren, während das Huhn stets angetroffen worden ist. Auch die Jagd war in Polynesien und Mikronesien fast ganz unbekannt, in Melanesien auf Vögel und kleine Säugetiere beschränkt, erreichte dagegen in Australien eine solche Wichtigkeit, daß man die Austra­lier als ein echtes Jägervolk bezeichnen muß. Fischerei ist dagegen allgemein üblich, namentlich auf den Inseln, in Neuseeland und Australien.

Die Religionen waren überall gleichbedeutend mit Natur- und Götzendienst, und die religiösen Vorstellungen vielfach, wie bei den Australiern, sehr unklar. Den Jnselvölkern galt alles als beseelt, Tiere, Himmelskörper, Pflanzen, Geräte, Luft, Meer, Land und Steine. Be­stimmten Göttern dienten Priester; Tempel und Opferstätten waren häufig, eigenartige Sitten, wie das Tabuieren, entsprangen diesen religiösen Regungen. Von den großen Religionen der übrigen Erde ist aber vor der Entdeckung durch Europäer keine nach der Südsee gedrungen, und erst seit dem Elche des 18. Jahrhunderts begannen christliche Missionare, den Eingeboreneil ein hochstehendes Religionssystem vorzuführen. Ihre Bemühungen sind bisher nur in Polynesien und Neuseeland voll Erfolg begleitet gewesen, in Melanesien und Australien dagegen leider meist nicht. Jetzt überwiegt das christliche Bekenntnis natürlich sehr, da ihm nicht nur sämtliche 3,800,000 Weiße anhängen, sondern auch fast alle Hawaiier, Samoaner, Tonganer, Tahitier und Maori. Man kann daher die Zahl der Christen in.Australien und Ozeanien zu rund vier Millionen annehmen, voll denen der größte Teil, nämlich die Weißen in Australien und Neusee­land, der evangelischen Kirche allgehört. Die Zahl der Katholiken wird in Australien auf 522,000, in Neuseeland auf 69,000 und auf den übrigen Inseln, wahrscheinlich viel zu hoch, auf 482,000 angegeben. Diese letzte Zahl ist nur erklärbar, wenn man alle Einwohner der französischen, spanischen und viele der übrigeil Kolonien als katholisch rechnet. Wahrscheinlich leben in Poly­nesien, Melanesien, Mikronesien höchstens 100,000 Katholiken, im ganzen also umfaßt die katho­lische Kirche in Australien und Ozeanien 700,000 Bekenner. Der Rest, 1,500,000, sind Heiden, wovon die Melanener allein etwa 1,350,000 stellen.

Die Australier.

Die Bevölkerung des australischen Festlandes ist in sehr vielen Beziehungen, Körper­beschaffenheit, Lebensweise, Nahrung, Wohnung, Bekleidung und Sitten, ja selbst in Sprache so gleichartig wie keine eines anderen Kontinents. Höchstens die frühereil Bewohner der be­nachbarten Insel Tasmanien können wir als eine bemerkenswerte Unterabteilung ansehen. Ge­wisse Unterschiede freilich werden durch Klima und Boden hervorgerufen, indem die an