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Der Siva.
Terpsichore hat auch den lebensfrohen Kindern Samoas ihre Gunst und Kunst nicht versagt, wenn es ihr auch nicht leicht geworden sein mag, ihre hüpfende, drehende und wirbelnde Grazie ganz zu verleugnen und in sitzender Pose zu entfalten. Die Samoaner haben es darin zu einer recht absonderlichen, aber erstaunlichen Fertigkeit gebracht und auch in schwieriger Position bewunders- werte Gewandheit und eine gewisse Grazie in rhytmischer Bewegung zu entfalten gelernt. Die Tänze, Sivas, werden durch singenden oder summenden Takt begleitet und in steigengendem Tempo entfaltet.
Die Melodie des Samoagesanges tritt dabei ganz in den Hintergrund Die Musik gewinnt bei dem reizenden, aufregenden Tanztact des Sivas*) mehr und mehr die Bedeutung eines anfeuernden Geräusches, einer Art wilder Schlachtenmusik, je mehr die Tanzenden sich selbst und die Zuschauer zu Begeisterung hinreissen und die Aufmerksamkeit an ihre Bewegungen, Productionen und Ausrufe fesseln, je mehr der Fanatismus alter Gewohnheiten über die Ermahnungen und Lehren der Missionare und die Etikette der Civili- sation im Eifer des Gefechts die Oberhand gewinnt. Diese Sivas bilden den Glanzpunkt aller festlichen Veranstaltungen; ohne sie ist weder eine schöne samoanische Mondscheinnacht, eine Hochzeit, ein Besuchsabend noch ein bedeutungsvolles Ereignis friedlicher oder kriegerischer Art denkbar.
Festlich geschmückt, glänzend und duftend von parfümiertem Cocosöl, mit dem der ganze Körper eingerieben ist, die Lenden umhüllt mit einer feinen Matte oder einem Gewand aus Baststoff, gegürtet mit einem luttigen Tanzgürtel (titi) aus Baststreifen, Blättern oder aufgereihten Früchten, die Brust behängen mit Ketten aus Früchten und duftenden Blüten, die Haare mit Brodfruchtharz gestreubt oder geölt und aufgeputzt, mit Blumen geschmückt — so erscheinen die Tänzer und Tänzerinnen nacheinander auf dem Tanzplatz, um nach Begriissung der Gäste durch Händedruck ihre Positionen einzunehmen und zunächst stets durch einige Sivas in sitzender Stellung den Reigen zu eröffnen. Die Anordnung der Tanzenden erfolgt meistens in Form eines Kreisbogens; in der Mitte desselben paradiert die Dorfjungfrau als Vortänzerin oder ein junger alii mit der früher beschriebenen tuinga auf dem Kopfe. Hinter der Reihe der Tänzer und Tänzerinnen gruppiert sich das „Musikcorps“. Dieses wird gebildet von Jung und Alt und hat die Aufgabe, entweder nur mit Holzstäben auf Matten den Takt zu
; ) Vergl. S. 111.