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Samoa / von F. Reinecke
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Abend und Nacht.

Während des Tages essen die Saraoaner, wann und wo es ihnen beliebt, wenn Appetit und Gelegenheit vorhanden sind. Nur die Abendmahlzeit bildet einen festen Punkt, ein statisches Mo­ment in dem sonst regellosen Leben. Sie ist die einzige täglich wiederkehrende gemeinsame Handlung in allen Orten und aller Ein­geborenen und eine schöne feste Gewohnheit. Wenn sich gegen 6 Uhr die Sonne am westlichen Horizont neigt, dann beginnt die Vorbereitung für das Abendessen und die Versammlung aller Be­wohner in ihren Hütten um ihre Familie. Wie die Marine mit dem Sonnenuntergang die Flagge einholt, so pflegt der Häuptling, Vater oder Hausälteste zu dieser Zeit nach alter samoanischer Sitte den Abend zu begrüssen, ein Abendgebet zn sprechen, dem folgt hei beginnender Dämmerung und aufloderndem Feuerschein die Abend­mahlzeit und ihr ein Chorgesang in den verschiedenen Häusern, meist nacheinander, ausgehend von dem Faletele oder dem ersten Häuptlingshaus. Diese, vorchristlicher Gewohnheit entstammende Ausübung wflrkt, wie bei uns der alte germanische Weihnachtsbaum, an den herrlichen Gestaden der meerumrauschten Inseln immer wieder wunderbar stimmungsvoll, unwillkürlich Andacht erregend, wie es selbst manchem frommen Christen in der Kirche nicht mehr zur Empfindung gelangen kann. Dazu kommt noch der an sich schon dem Choralrhytmus ähnliche, mehrstimmige harmonisch getragene Ge­sang der Eingeborenen und die wunderbare Wirkung der schnell hereintretenden lauwarmen Tropennacht mit der geheimnisvollen Be­leuchtung der einzelnen Hütten. Hier wird die weite, ungeschminkte Natur zum Hause Gottes, dem selbst der roheste Beachcomber in dieser Stunde seine Ehrfurcht nicht versagen mag; denn die weihe­volle Stimmung um ihn herum ist kein gemachtes Schauspiel, kein conventionelles oder modernes Symptom, sondern echte, wahre Em­pfindung, unnatürliche Ehrung und Anerkennung göttlicher Kraft und Weisheit. Dieser Andachtsstunde folgt meist bald aus­gelassene Fröhlichkeit der Jugend, während die älteren Bewohner sich auf dem Dortanger oder im Feuerschein der Häuser ver­sammeln, um alte Traditionen und neuere Erlebnisse in gemüt­lichem Geplauder aufzufrischen, so die Vergangenheit zu be­leben und mit der Gegenwart zu vergleichen. An mondhellen 1 Abenden gruppiert sich die Jugend am Strande, um mit Gesang, Spiel und Tanz die kühleren Abendstunden zu gemessen und aller- . liand Kurzweil zu treiben.

Je schöner die Mondnacht ist, desto länger wird sie natür­lich genossen, das wird Jeder begreifen, der die Reize einer solchen kennt und zu würdigen weiss. Der lieblich einschmeichelnde Glanz