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Samoa / von F. Reinecke
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berühren u. s. w., jeder Yerstoss gegen das Ceremoniell konnte mit Todesstrafe gesühnt werden (so genau wirds aber heutzutage nicht mehr genommen). Jeder Pule hat stets im Hause seinen ganz bestimmten Ehrenplatz, den Niemand ausser ihm einnehmen darf.

Im fale tele, dem Gemeindehause, sind alle Plätze nach Rang und Würden verteilt; und auch der Fremde kann bald erkennen, wer von den Insassen festen Sitz, bezw. besondere Rechte hat; nämlich jeder, der einen Hauspfosten im Rücken hat, während sich die Recht­losen zwischen zwei Pfosten zu setzen haben. Der Pule ist meist auch Herr über Land und alles Besitztum des Dorfes; jedoch auch meist nur symbolisch; sofern als nur wenige Häuptlinge das Recht haben, etwas davon zu veräussern; zum mindesten nicht ohne Zustimmung ihrer Berater.

Tulafale und Fono.

In Versammlungen, Fono genannt, führt der höchste Häuptling als Scepter einen mächtigen Fliegenwedel und einen 2 3 m langen Rednerstab, wenn er gleichzeitig die Würde eines Tulafale bekleidet und selbst reden darf; das ist nicht immer der Fall. Manche hohe Häuptlinge andrerseits reden nicht selbst sie halten es ihrer Würde nicht angemessen, sondern sie lassen ihren eigentlichen Tulafale für sich reden, vielfach allerdings auch, weil dieser es besser versteht. Davon hängt oft viel ab; denn die Samoaner sind im allgemeinen grosse Freunde und Bewunderer der Eloquens und Phraseologie und lauschen andächtig stundenlang den schwungvollen, fast poetischen Reden eines gewandten Tulafale, der, auf seinen Rednerstab gestüzt, mit wirkungsvollem Pathos und Ton­fall in bilderreicher Sprache mit Gleichnissen das Thema der Beratung verarbeitet und der hochansehnlichen Versammlung den Standpunkt klar macht. Da nicht nur das Publikum die beneidens­werte Eigenschaft hat, gern reden zu hören, sondern auch der samoanische Redner sich selbst gern hört, erfordert natürlich die Erledigung einer Tagesordnung immer eine geraume Zeit und mit einer Sitzung ist es selten abgethan, zumal die Redner sich mit Vorliebe messen und überbieten wollen. Die Herren können sich das ja auch leisten, da sie meist Zeit dazu haben.

Die Tulafales haben dank ihrer sichtbaren Geistesgrösse die sie in den Fonos öffentlich verkörpern, auch einen grossen Ein­fluss auf die Gemeinde, und wissen diesen oft zum Besten ihrer Stellung im Staatsinteresse auszunutzen und zu festigen. Demgemäss haben sie einen starken Anhang in ihrem Wirkungskreise, der