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Scenen aus dem Volksleben in Ägypten.
und eigentümlicher werde. Aber trotz aller dieser Verletzungen der Wahrscheinlichkeiten zeigen die orientalischen Erzählungen eine sehr fruchtbare Erfindungsgabe und sprudeln von Zügen echter Menschennatur. Die tiefe und verzehrende Teilnahme, womit die ungelehrten Araber ihren Erzählungen lauschen, der Halt, den sie im Volksherzen des Morgenlandes haben, zeugen für ihren Wert als Erläuterungen orientalischen Lebens.
Nach Bayard Taylor.
Reise nach Central-Afrika. Übersetzt von Johann Ziethen.
Scenen ans dem Volksleben in Ägypten.
1. Ein Tag und eine Nacht in Kairo.*)
Kaum ist der äußerste Rand der glühenden Sonnenkugel an dem welligen Horizont der arabischen Wüste in majestätischer Schöne emporgetaucht, um mit wunderbarem Purpurlichte die zackigen Gipfel der Bergkette des öden Mokattam zu übergießen, an dessen Fuße, in Dämmerung gehüllt, die „hochgeehrte" Stadt der Kalifen in tiefem Schlummer ruht: da ertönen durch die heilige Stille des Morgens von den luftigen Minarets zahlreicher Moscheeen die ernsten, feierlichen Klänge der Sänger, um den Preis und die Vollkommenheit Gottes und seines Propheten Mohammed den frommen Gläubigen zu verkünden. Der Sänger mahnende Worte hörend, daß Gebet besser denn Schlaf sei, öffnen die Muslin ihre Augen, erheben sich alsbald von dem einfachen Lager, das auf einem niedrigen Gestell von Palmenstäben ausgebreitet ist und schütteln ihre faltigen Gewänder aus, mit denen sie sich, nach Brauch des Landes, vollständig bekleidet am vorigen Abend zur Ruhe gelegt haben. Dann wird die Waschung vorgenommen, weniger aus den natürlichen Rücksichten für notwendige Sauberkeit, als vielmehr, weil das göttliche Buch des Propheten, der Koran, befiehlt, vor dem Gebete Gesicht, Hände und Füße mit Wasser zu reinigen. Nun zieht der fromme Moslin die Schuhe aus, wenn anders er solche besitzt, tritt auf den türkischen
*) Aus Heinrich Brugsch. Aus dem Orient. Berlin, 1874.