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Die Somal.
alle Anwesenden für denselben ein. Gegen Fremde ist besonders die im Innern wohnende Hirtenbevölkerung scheu wie Kinder, aber gutmütig und freundlich. Der weiße Mann, wenigstens jeder Deutsche, kann hier ruhig ohne Waffen umhergehen. Er lebt hier sicherer als vielleicht in der civilisiertesten Stadt Europas. Der Sultan regiert, wenn man von einer Regierung sprechen kann, als Despot. Bei jedem wichtigen Schritte, oder jeder zu verhängenden Strafe versammelt er das Volk, welches gerade in der Nähe ist. Der älteste und vornehmste Mann trägt der im Halbkreise um den Sultan sitzenden Menge mit lauter Stimme den betreffenden Fall vor. Nachdem dieser geendigt, geben einzelne alte Erfahrene oder Vornehme ihre Ansicht ab, und spricht der Sultan, beeinflußt oder unbeeinflußt, dann sein Urteil, was sofort vollstreckt wird, resp. als Gesetz gilt. — Die Sklaven der Somal führen, wie schon erwähnt, ein sehr bequemes und gutes Leben. Da der Somal das Verhältnis von Herr und Diener nicht kennt, so steht der Sklave, besonders wenn Mohammedaner, seinem Herrn vollständig gleich, und ist eher Freund als Diener zu nennen. Der religionslose Neger dagegen steht in einem untergeordneten Verhältnis.
Claus von Änderten.
(Kol.-Polit. Korresp. 1886 Nr. 7. 8.)
Ein Palaver bei den Somal.
Bei einem Somalpalaver, einer amtlichen Unterredung, geht es folgendermaßen zu:
Der Bote steigt langsam vom Maultier herab, tritt mitten unter die Menge, bleibt dann stehen, schlägt die Beine übereinander und hält in jeder Hand einen Speer. An diesem läßt er die Hände und seine ganze Gestalt hinabgleiten, kauert nieder, mustert die Anwesenden, speit einige Male aus, legt die Waffen vor sich hin und nimmt einen Stecken. Mit diesem zieht er Streifen in den Sand, löscht sie aber sogleich wieder aus, weil Unglück folgen würde, wenn er es nicht thäte.
Die Versammlung hockt in einem Halbkreise und macht ernste Mienen; jeder hat seinen Speer vor sich hingepflanzt, hält den Schild so, daß nur das Gesicht über denselben hinausblickt, und die Augen bleiben auf den Redner gerichtet. Zu diesem spricht nun der Häuptling des Kraals: