Druckschrift 
Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien : mit einem kolonialgeschichtlichen Atlas von 12 Karten und 40 Kärtchen im Text / von Alexander Supan
Entstehung
Seite
214
Einzelbild herunterladen
 

214 A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien.

düng einer Kanalgcsellschaft. In England, wo er zuerst anklopfte, wurde er ab­gewiesen; Palmerston hielt wolil den Plan für utopisch und wollte überhaupt keinen Kanal, der die Verbindung mit Indien auf fremde Wege leiten, würde. Trotz­dem wurde 1858 die Gesellschaft ins Leben gerufen; mehr als die Hälfte der Aktien wurde in Frankreich abgesetzt, die übrigen waren in den Händen der ägyptischen und der türkischen Regierung. 1859 wurde der erste Spatenstich getan, und trotz englischer Intrigen das große Werk in zehn Jahren vollendet. Der 18. November 1869, der Tag, an dem der Kanal feierlich eröffnet wurde, bildet einen der wich­tigsten Wendepunkte in der Kolonialgeschichte. Eine neue Straße nach Indien ist eröffnet, das Rote Meer und Ägypten gelangen zu neuer Bedeutung. Frankreich hatte im Hinblick darauf schon am 11. März 1862 den Hafen Obock und das Küstengebiet von Ras Domneirak bis Ras Ali durch Kauf erworben, tat aber nichts, um diesen Besitz politisch und kommerziell auszubeuten. Die Hauptmacht blieb Ägypten, dessen Vizekönig Ismail (1863 79) hochfliegende Pläne hatte. Die oberen Nilländer: Äquatoria, Bahr-el-Ghasal, Darfur wurden erobert; seit 1874 stand an der Spitze ihrer Verwaltung der Engländer Gordon mit dem Auftrag, den Sklavenhandel auszurotten. Von der Pforte erhielt Ismail 1865 Sualcin und die Kaimakamats von Massaua, d. li. die ganze Küste bis Bab el Mandeb 1 ). 1875 wehte die ägyptische Flagge auch am Golf von Aden, in Seila und Berbera, Harrar wurde genommen und Abessinien auch im Osten umklammert. Damit steht im Zusammen­hang, daß England 1876 den Sultan von Sokotra, auf das Italien ein Auge ge­worfen hatte, zu dem Zugeständnis nötigte, die Insel niemals an eine fremde Macht abzutreten oder ohne englische Zustimmung eine Niederlassung zu gestatten 2 ). Aber der Hauptschlag war damals schon geführt. Ismails Verschwendungssucht hatte ihn um allen Kredit gebracht, und dies benutzte der damalige Ministerpräsident von England, Disraeli, um den ganzen ägyptischen Anteil an den Sueskanalaktien für die englische Regierung anzukaufen (1875). Der Kanal stand nun nicht mehr unter ausschließlichem französischem Einfluß, England hatte bei der Verwaltung ein gewich­tiges Wort mitzusprechen.

/ Rußland und Britisch-Indien.

1. Indien rückt immer mehr in den Mittelpunkt der britischen Kolonialpolitik. Mit wachsamem Auge verfolgt England die Vorgänge am Mittelmeer, um die Zugänge durch das Rote Meer und den Persischen Golf freizuhalten, und ebenso aufmerksam und besorgt blickt es nach dem Nordwesten, wo sich trotz hoher Gebirge auch Zu­gänge öffnen, durch die einst die Eroberer in die Ebenen des Indus und Ganges hinabgestiegen waren. Nicht so sehr drohte Gefahr von den einheimischen Völkern, als von Rußland. Wir wissen, daß schon Peter d. Gr. an die Möglichkeit einer Er­oberung Indiens dachte, und zur Zeit Napoleons, unter Paul I. und Alexander L, nahm dieser Plan greifbarere Gestalt an. Er blieb seitdem ein Lieblingsgedanke der

9 van Ortroy, a. a. O. S. 44.

2 ) Bevölkerung der Erde IV, S. 50.