200 A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien.
sehen, wie trotz europäischer Interessengemeinschaft der alte Gegensatz immer wieder aufflackert.
Was dem hier zu behandelnden Zeitabschnitt ein besonderes Gepräge verleiht, sind folgende Momente: 1. die allmähliche Enthüllung des Innern von Afrika, die der Kolonisation vorarbeitete; 2. das Näherrücken Englands und Rußlands in Asien; 3. die steigende Bedeutung der pazifischen AVelt einerseits durch die Goldentdeckungen in Californien und Australien, anderseits durch die Erschließung der ostasiatischen Staaten. Der europäische Kulturkreis, bisher im wesentlichen auf die atlantisch-indische AVelt, jedoch mit Ausschluß des größten Teiles von Afrika, beschränkt, beginnt sich nun über die ganze Erde auszubreiten.
Afrika.
1. Keltie 1 ) schätzt den Gesamthandel Afrikas um 1815 auf 600 Mill. Mark, der sich zu ungefähr gleichen Teilen auf Ein- und Ausfuhr verteilte, und von der letzteren entfiel mehr als die Hälfte auf die mediterranen Länder. Die etwa 150 Millionen des tropischen und südlichen Afrika 2 ) schließen aber den Sklavenhandel ein, und als dieser aufhörte, blieben so wenig Handelswerte übrig, daß der größte Teil von Afrika, vom kaufmännischen Standpunkt betrachtet, alle Bedeutung verloren zu haben schien. Zu gleicher Zeit rückte er aber immer mehr in den Mittelpunkt des geographischen Interesses, und man kam bald zur Erkenntnis, daß, wenn man nur einmal mit dem unbekannten Innern in unmittelbare Berührung treten könnte, auch der auf eine neue Grundlage gestellte Handel einen großen Aufschwung nehmen würde. Diese zugleich wissenschaftlichen und kommerziellen Bestrebungen konzentrierten sich zunächst auf die Nigerländer, zu denen man Zugangsstraßen durch die Sahara und von Oberguinea aus suchte. Die Expedition des Engländers Clapperton nach Sokoto (1822—27) und die Reise des Franzosen Caillie nach Timhuktu (1827/28) haben eine ganz neue AVelt eröffnet. 1830 war das geographische Nigerproblem gelöst, und unmittelbar daran schließt sich jenes epochemachende Ereignis, das die moderne Kolonisationsgeschichte Afrikas einleitet: die Eroberung Algeriens.
2. Algerien, Tunis und Tripolis faßte man unter dem Namen der ßarbaresken- staaten zusammen; sie standen unter der Oberhoheit der Pforte und lebten vom organisierten Seeraub. Spanien und Frankreich hatten darunter am meisten zu leiden. Zwischen Frankreich und Algerien entwickelten sich aber innige Handelsbeziehungen. Die Marseiller erhielten das Monopol des Handels und der Korallenfischerei, für deren Betrieb ihnen 1518 3 ) unweit von Bone ein Gebiet, die sog. Concessions d’Afrique, pachtweise eingeräumt wurde. 1561 gründeten sie die erste Handelsniederlassung, Bastion de France, zwischen La Calle und Kap Rosa. Nach
0 The Partition of Africa. 2. Auf]., London 1895. S. 94.
2 ) Gegenwärtig läßt sieh die Ausfuhr auf rund 1200 und die Einfuhr auf 1700 Mill. Mark veranschlagen.
3 ) Der Moniteur universel vom 20. April 1830 datiert die Concessions sogar bis in das Jahr 1450 zurück!