Die britisch-amerikanische Periode 1783—1876.
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gliedert. Bei dieser Gelegenheit wurde die Grenze gegen Rio grande do Sul durch das Übereinkommen vom 31. Juli 1821 *) in derselben Weise festgelegt, wie sie noch heute besteht. Der Krieg, der darüber zwischen Brasilien und Argentinien ausbrach, brachte keinem Gewinn, denn 1828 ging Uruguay als unabhängige Republik aus demselben hervor 2 ). Damit war die Reihe der Staatengründungen im romanischen Amerika abgeschlossen.
5. Der Zusammenbruch der beiden ältesten Kolonialreiche ist zwar eines der wichtigsten Ereignisse der Kolonialgeschichte, aber man darf seine Tragweite nicht überschätzen. Spaniens und Portugals Macht war schon so sehr gesunken, daß sie durch die Einbuße der festländischen Kolonien in der Neuen Welt kaum vermindert werden konnte. Besonders für Spanien waren diese Besitzungen eine schwere Rüstung, die es kaum zu tragen vermochte. Anderseits wurden die neuen Staaten kern politischer Faktor wie die nordamerikanische Union, und das Schwergewicht der Umwälzung lag mehr auf wirtschaftlichem Gebiet.
Wir haben den spanischen Kolonialbesitz im Jahre 1785 auf 14,4 Mill. qkm geschätzt, er war jetzt auf 0,4 Mill. reduziert! Treu geblieben waren nur Cuba und Portorico, wo die Furcht vor der großen Anzahl von Negersklaven und vor ähnlichen Ereignissen wie in Haiti alle Empörungsgedanken niederhielt. San Domingo aber ging Spanien verloren; 1821 erklärte es sich unabhängig und wurde 1822 von Haiti erobert 3 ). Auch auf den Philippinen erregten die Kreolen und Mischlinge 1823 einen Aufstand; er war der einzige, zu dessen Niederwerfung die Kräfte Spaniens noch ausreichten. Portugal war nur noch eine afrikanische Macht, denn seine ostindischen Besitzungen waren unbedeutend, aber auch Portugiesisch-Afrika war in Verfall. So sehen vor in der Revolutionsperiode eine Kolonialmacht nach der anderen hinsinken: Frankreich, Holland, Spanien, Portugal, und es gab nur noch eine koloniale Großmacht: England. Aber in Rußland und in den Vereinigten Staaten sind schon die Keime zu neuen Rivalitäten gelegt.
Begleitworte zur Karte für 1876 auf Tafel X.
Die Kolonialbewegung nach dem Sturze Napoleons bis 1876.
Wir treten jetzt in das Zeitalter des Dampfes und der modernen Verkehrsmittel ein, die den Raum verengen und die Völker einander näher rücken. Kein Staat hat daraus größeren Gewinn gezogen als England, dessen Kolonien über die ganze Erde zerstreut sind. Trotzdem begannen sich gerade in dieser Periode die
') S. Bollo, Atlas geografico etc. von Uruguay. Montevideo 1896. S. 41.
2 ) Friede von Rio de Janeiro vom 27. August 1828 siehe Martens, Nouveau Recueil, Bd. VII, S. 686.
3 ) Den Sch ritten Wechsel, 1829 und 1830, zwischen Spanien, das die Herausgabe von San Domingo forderte, und Haiti, das diese Herausgabe verweigerte, siehe Martens, Nouveau Supplement, Bd. III, S. 492—511. Durch die Revolution im Jahre 1844 hat die Dominikanische Republik ihre Selbständigkeit erlangt, doch knüpfte sic 1861 wieder mit Spanien Verhandlungen an, und dieses war geneigt, sie in seinen staatlichen Verband wieder aufzunehmen, was aber nicht bloß den Protest Haitis, sondern auch der anderen spanischen Republiken hervorriet (Martens, Nouveau Recueil general, Bd. XX, S. 148—56).