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A. Supan,. Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien.
in den Jahren 1824 und 1826 1 ) blieben ohne Ergebnis, obwohl England bereit war, das halbinselartige Landstück zwischen der Fucastraße, der Admiralitätseinfahrt und dem; Greyhafen den Amerikanern zur Anlage eines pazifischen Hafens zu überlassen. Auch damit wäre den Vereinigten Staaten nicht geholfen gewesen, da ja die Land- verbindung mit dem Osten fehlte. So blieb die Oregonfrage ungelöst 2 ).
Der Abfall der spanischen und portugiesischen Kolonien auf dem
Festland von Amerika.
1. Alle Welt ist darüber einig, daß die wirtschaftliche Kolonialpolitik Spaniens, die auf unverhüllte Ausbeutung hinauslief, zu verurteilen ist, und nur darüber können die Meinungen auseinandergehen, ob sie als moralische Schuld oder als un-, abwendbares Verhängnis aufzufassen sei. Sicher muß man, wenn man an eine große Weltordnung glaubt, jedem Volke die Pflicht zuerkennen, die Kräfte seines Landes, bis zu dem höchsten von der Natur bestimmten Grade zu entwickeln, und wenn ein. Volk diese Pflicht vernachlässigt, so lädt es eine Schuld auf sich. Anderseits — was. konnte man von einem Mutterlande erwarten, das selbst unter dem erstickenden Drucke weltlichen und geistlichen Despotismus brach lag? Wer selbst nicht entwickelt ist, kann andere nicht zur Entwicklung führen. Indes muß man, um gerecht zu sein, anerkennen, daß auch Spanien sich gegenüber seinen Kolonien einer, höheren Aufgabe bewußt war und -sie auch in seiner Weise zu erfüllen suchte. Diese Aufgabe war die Bekehrung der Eingeborenen, aber wir haben schon an einer früheren Stelle (S. 152) auseinandergesetzt, daß und weshalb auch in diesem Punkte, nichts Dauerndes und Durchgreifendes geschaffen wurde', und daß schließlich auch, das Werk der Christianisierung in Ausbeutung endete.
Daß ein solches politisches System einmal zusammenbrach, ist nicht auffallend, auffallend ist nur, daß es nicht früher geschah. »Wenn die Ruhe erhalten blieb«,; sagt Humboldt 3 ), »so war dies die Folge der Gewohnheit, des großen Einflusses, einer gewissen Zahl mächtiger Familien, vor allem des Gleichgewichts, das sich zwuschen feindlichen Gewalten herstellt«. Der letzte Punkt ist besonders wichtig; es war das alte Rezept des Absolutismus: divide et impera, das nirgends in so raffinierter Weise zur Anwendung kam wie in den spanischen Kolonien. Von den 14 bis 15 Millionen Bewohnern waren nach Humboldts Schätzung 4 ) nur 200000 Europäer, d. h. in Spanien Geborene, und 3 Milli onen Kreolen. Das dritte Bevölke- rungselement bildeten che Negersklaven, und weitaus che Mehrzahl bestand aus. Indianern und Mestizen. Alle Macht lag in den Händen des kleinen Häufleins der Europäer, der Reichtum lag in den Händen der Kreolen und der Kirche. Der Reichtum drängt nach Macht, und che systematische Ausschließung der Kreolen^von allen öffenthchen Ämtern war daher eine Quelle steigender Unzufriedenheit. Anderseits,
• * 0 Martens, Nouv. Recueil genöral, Bd. VI, S. 157.
2 ) Durch das Übereinkommen vom 6. August 1827 wurde der damalige Zustand auf unbestimmte Zeit verlängert (ebenda Bd. VII, S. 477).
3 ) Reisen in die Äquinoktialgcgenden, Bd. II, S. 141.
4 ) Ebenda S. 138.