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Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien : mit einem kolonialgeschichtlichen Atlas von 12 Karten und 40 Kärtchen im Text / von Alexander Supan
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172 A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien.

weiteren Schritte. Die ganze französische Unterstützung bestand in einigen Offi­zieren, mit deren Hilfe sich Ngüyen ein diszipliniertes Heer schuf; 1801 vereinigte er wieder unter den Namen Gialong die drei Länder zu einem Keiche. Sein Nach­folger war den Franzosen weniger gut gesinnt; er fürchtete ein ähnliches Schicksal wie die Fürsten Vorderindiens. 1825 wurden die Franzosen vertrieben, und später folgten strenge Dekrete gegen die Christen, von denen viele ihr Bekenntnis mit dem Tode büßten. Aber seit jener Zeit knüpfte die französische Mission immer wieder Fäden mit dem östlichen Hinterindien an; es gehörte, wie Madagaskar, zu den kolo­nialen Traditionen Frankreichs.

Afrika.

1. Für das tropische Afrika bricht mit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts die Morgenröte einer neuen Zeit an. Bisher kam es fast nur als Lieferant mensch­licher Ware in Betracht. Der Sklavenhandel ist eines der traurigsten Blätter der Kolonialgeschichte, aber es wäre ungerecht, nur die Kolonisation dafür verant­wortlich zu machen. Er war der christlichen Welt des früheren Mittelalters ebenso­wenig fremd wie der heidnischen des Altertums, und erst im 15. Jahrhundert ver­ödeten die Sklavenmärkte in Bristol, Hamburg, Lyon und Rom völlig. Wäre die Kolonialbewegung von den Engländern oder Franzosen ausgegangen, so wäre man wahrscheinlich nicht auf den Oedanken des Negerhandels verfallen. Nur bei den Völkern der pyrenäischen Halbinsel hatte sich die Sklaverei infolge der Maurenkriege noch ungeschwächt erhalten, und da diese Kämpfe einen religiösen Charakter trugen, fand man auch an ihren Folgeerscheinungen nichts Anstößiges. Daß die Portugiesen ihre Entdeckungsfahrten an der Westküste von Afrika zum Menschenfang benutzten, erschien ihnen als etwas Selbstverständliches; und nicht Heuchelei, sondern Naivität war es, wemi sie in einem ergiebigen Beutezug den göttlichen Lohn für gute Taten erblickten 1 ). Von diesem Standpunkt aus muß man es beurteilen, Avenn der edle Las Casas aus Mitleid mit dem gequälten Liclianer die Negereinfuhr nach Amerika empfahl und damit den Anstoß zu dem Sklavenhandel im großen Maßstab gab, ob­wohl nicht verscliAviegen Averden darf, daß sich damals schon vereinzelte Stimmen dagegen erhoben. Aber die unmittelbaren wirtschaftlichen Vorteile ließen alle Regungen des GeAvissens verstummen, ja die portugiesischen Sklavenjäger und -händler rechneten sich, indem sie die Neger der Kirche zuführten, ihr HandAverk sogar zum Verdienst an. Einen roheren Charakter nahm dieser HandelszAveig an, als sich die Engländer seiner bemächtigten. Der Rückschlag blieb nicht aus; die sittliche Venvilderung stieg in England so hoch, daß Cromwell schottische und irische Kriegsgefangene nach Amerika verkaufte, und unter Jakob H. die höchsten Kreise dieses verwerfliche Geschäft fortsetzten; ja selbst mittellose AusAvanderer und Vagabunden verfielen der Sklaverei 2 ). Exakte Zahlen über den Sklavenhandel haben Avir nicht; Raynal schätzt die nach Amerika, dem Hauptkonsumenten, ausgeführten Neger auf neun Millionen 3 ). Aber sclrwerer als dieser Menschenverlust wog für

*) Vgl. O. Peschei, Zeitaltei - der Entdeckungen, Stuttgart 1858. S. 67.

2 ) E. J. McCormäc, White Servitude in Maryland, 16341820. Baltimore 1904.

3 ) G. Bancroft. a. a. O. Bd. III, S. 353.