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Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien : mit einem kolonialgeschichtlichen Atlas von 12 Karten und 40 Kärtchen im Text / von Alexander Supan
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A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien.

Die Kolonialkämpfe im Zeitalter der Revolution und des Kaiserreichs.

1. Wie sehr sich der kulturgeographische Begriff Europas erweitert hatte, welche geistige Wechselbeziehungen zwischen dem alten und dem transatlantischen Europa bestanden, offenbarte sich zum erstenmal deutlich im Zeitalter der Revo­lutionen. Die geistige Umwälzung durch die 'Vorkämpfer der Aufklärung, der nord­amerikanische Unabhängigkeitskampf, die französische Revolution, der Abfall der spanischen Kolonien bilden eine Kette von Ereignissen, aber nicht im einfachen Ver­hältnis von Ursache und Folge, sondern so, daß jede Bewegung zuerst aus ihren örtlichen Bedingungen emporwuchs und dann an der anderen erstarkte.

Die französische Revolution greift noch in anderer Weise in die koloniale Entwicklung ein. Ein anfänglich ungewolltes Ergebnis war die Verschiebung der kolonialen Machtverhältnisse, der Aufschwung Englands zur ersten See- und Kolonialmacht. Es handelte sich dabei zunächst gar nicht um die Kolonien. Wohl war die traditionelle Feindschaft zwischen Frankreich und England auf diesem Ge- biet entstanden, und diese Rivalität wollte auch nach dem Versailler Frieden kein Ende nehmen. Als die Franzosen 1785 auf der Gfambiainsel des Sierra Leone- Flusses eine Batterie von sechs Kanonen aufpflanzten, waren die Engländer sofort zur Stelle und gründeten mit befreiten Negersklaven ihre Sierra Leone - Kolonie 1 ). Als 1786 der französische Seemann Landolphe eine Handelsniederlassung an der Beninküste errichtete, wurde sie 1792 von einem englischen Geschwader zerstört und ihre Besatzung getötet 2 ). Diese Vorfälle scheinen aber wenig Eindruck ge­macht zu haben. Die leitenden Männer der französischen Revolution waren mit den inneren Angelegenheiten zu sehr beschäftigt, um sich um die Kolonien zu kümmern. Anderseits benötigte auch der damalige Leiter des englischen Ministeriums, William Pitt, des Friedens, um seine großen inneren Reformen durchzuführen. Trotzdem entzündete sich der Krieg, aber nicht an einer kolonialen Frage wie früher, sondern an einer europäischen. Durch die Eroberung Belgiens von seiten der Franzosen (1792) sahen sich Holland und England bedroht. Es war auch voraus­zusehen, daß die Franzosen hier nicht Halt machen würden, denn die republi­kanische Regierung brauchte den Krieg, um der inneren Wirren Herr zu werden. Die Weigerung der Mächte, sie anzuerkennen, diente ihr als Vorwand; am 1. Februar 1793 erklärte sie den Niederlanden und Großbritannien, am 7. März auch Spanien den Krieg.

Damit beginnt ein neues, gewaltiges Ringen zwischen den beiden westeuropäischen Großmächten, das mit einjähriger Unterbrechung bis 1815 dauerte. Englands Taktik bestand in der ersten Hälfte darin, Frankreich durch seine kontinentalen Bundesgenossen in Europa zu beschäftigen, und es be­teiligte sich an diesen kontinentalen Kämpfen nur durch die Zahlung von Hilfs­geldern. Um diese aufzubringen, mußte es seinen Handel erweitern, und dies ge­schah nicht bloß auf Kosten Frankreichs und dessen Verbündeten, sondern auch der

J ) Crooks, History of Sierra Leone. 1903. S. 18.

2 ) P. Gaffarel, Le capitaine Landolphe. Annalcs de lInst. colonial de Marseille, Bd. IX, 1901.