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A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien.
lismus eingelenkt war 1 ). Die politische Autonomie der Kolonien wurde aufgewogen durch ihre wirtschaftliche Unfreiheit. Es galt, wie wir schon wiederholt bemerkt haben, der Grundsatz, daß die Kolonien nur um des Mutterlandes willen da seien, daß sie, wie sich der Präsident des Geheimen Rates, Lord Hillsborough, 1772 ausdrückte, nur die Aufgabe hätten, »den Handel, die Schiffahrt und die Industrie Englands zu heben und auszudehnen« 2 ). Solch eine Politik muß immer mit den Bedürfnissen einer großen Siedelungskolonie in Widerspruch geraten. Die 13 Kolonien zählten 1770 2312 000 Weiße; einem solchen Volke, unter eigenartige geographische Bedingungen versetzt, kann man nicht bestimmte wirtschaftliche Ziele vorschreiben; der Trieb zur selbständigen Entwicklung seiner Kräfte wird scliließlich immer die Oberhand gewinnen. Man lese. nur das Stimmungsbild, das uns der schwedische Reisende Peter Kalm 1748 von den Kolonien entworfen hat 3 ); welcher Haß gegen England war schon damals hier aufgespeichert, der Haß eines erwachsenen Mannes, den man noch wie einen Jungen gängeln Avill! So lange die französische Herrschaft in Amerika bestand, fand die Gärung nach dieser Seite einen Ausweg, dann aber mußte sie das Gefäß sprengen, wenn man ungeschickt genug war, nicht für die Öffnung eines neuen Ventils zu sorgen.
Das zweite Moment ist das ethnographische. Auf dem neuen Boden Avar ein neues Volk entstanden. Wohl mögen auch die physikalischen Verhältnisse der Umgebung, in erster Linie klimatische Einflüsse, bei der Prägung dieses Typus mitgewirkt haben, der vornehmste Faktor Avar aber unzAveifelhaft die ausgedehnte und fortgesetzte Blutmischung. »Die Amerikaner«, sagt Theodor Roosevelt 4 ), »gehören zur englischen Rasse nur in dem Sinne, Avie die Engländer zu den Germanen gehören«. Holländisches und deutsches Blut bildete den Avichtigsten Einschlag, dann folgen der Bedeutung nach Schotten, SkandinaAÜer und endlich französische Hugenotten. »Kein Staat hat jetzt Aveniger englisches Blut, als Neuyork oder Pennsyl- vanien im Jahre 1775 hatten. Selbst in Neuengland, avo sich der englische Grundstock am reinsten erhalten hatte, Avar etwas irische (d. h. irisch-schottische) Beimischung vorhanden; in Virginien kamen Deutsche dazu. In den anderen Kolonien war, im ganzen genommen, Avahrscheinlich nicht viel mehr als die Hälfte des Blutes englisch; holländische, französische, deutsche und gälische Gemeinwesen gab es in Menge« 5 ). Es kann daher nicht Avunder nehmen, daß sich die Bande zwischen England und seinen nordamerikanischen Kolonien immer mehr lockerten.
Der nordamerikanische Unabhängigkeitskampf.
1. ObAVohl schon im April 1775 der offene Kampf ausbrach, waren die amerikanischen Abgeordneten auf dem Kongreß zu Philadelphia doch noch zur Verständigung geneigt. Zwar schlossen sie am 20. Mai unter sich den Bund der »Ver-
0 Vgl. P. Busching, Die Entwicklung der handelspolitischen Beziehungen zwischen England und seinen Kolonien. Stuttgart 1902.
2 ) B. A. Hinsdale, The Old Northwest. New York 1899, S. 134.
3 ) G. Bancroft, Geschichte der Vereinigten Staaten, Bd. III, S. 400; Bd. IV, S. 369.
4 ) A. a. O. Bd. I, S. 20.
5 ) Ebenda S. 21.