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Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien : mit einem kolonialgeschichtlichen Atlas von 12 Karten und 40 Kärtchen im Text / von Alexander Supan
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Die französisch-britische Periode 16701783.

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schwunden. So lange Frankreich zwei Ziele verfolgte: Herrschaft in Europa und Herrschaft über See, mußte es in dem einen oder anderen Schiff brach leiden, denn für die Doppelrolle ist kein Volk stark genug. Großbritannien war durch seine Insularität vor kontinentalem Ehrgeiz bewahrt.

Daß Frankreich im Pariser Frieden nicht noch mehr verloren hat, verdankt es nur dem Umstand, daß Pitt nicht mehr am Ruder war. Ja man erörterte in Eng­land sogar die Frage, ob man den Franzosen nicht Canada lassen und dafür Guade­loupe behalten solle; man fürchtete auch die Unabhängigkeitsgelüste der Anglo­amerikaner, wenn sie vom feindlichen Nachbar befreit wären, und vielleicht wäre diese Ansicht durchgedrungen, wenn nicht Benjamin Franklin energisch die Ein­verleibung Canadas gefordert hätte. Für Frankreich wäre der Verlust Guadeloupes ein härterer Schlag gewesen, so unverständlich uns das jetzt auch erscheinen mag. Canada und Louisiana konnten nur als Siedelungskolonien groß werden, und ein Volk, das nicht genug Leute hat, um große Räume zu füllen, braucht solche nicht. An Nordamerika haben sie daher niemals große Freude erlebt, und Voltaire befand sich sicher mit der Mehrzahl seiner Landsleute in Übereinstimmung, wenn er von Canada verächtlich als von »einigen Morgen Schnee« sprach. Was daran für die Franzosen am wertvollsten war, nämlich die Seefischerei, haben sie ja in dem Um­fang, in dem sie ihnen im Utrechter Frieden zugestanden war, gerettet (Art. 5 des Pariser Vertrags) und sogar noch angeblich durch Bestechung des Lord Bute ein paar Fischereistationen als Eigentum. Wie wenig Wert sie auf den festländi­schen Besitz legten, beweist, daß sie die ihnen verbliebene Westhälfte von Loui­siana am 3. November 1762, also schon vor Abschluß des Friedens, in einem geheimen Vertrag an Spanien abtraten. Die französischen Kolonisten denn Meie waren von dem englischen Teile nach dem Westufer des Mississippi ausgewandert er­hielten erst 1764 davon Kenntnis und protestierten heftig dagegen, ja die Bewohner von Neuorleans griffen sogar zu den Waffen. Doch vergeblich; Spanien nahm 1769 von dem Lande westlich vom Mississippi endgültig Besitz.

So war Nordamerika zwischen England und Spanien geteilt. Eng­lands Anteil erstreckte sich von dem Mexicanischen Golf bis zur Hudsonbai. Alles andere, was England errungen hat, auch die Machtstellung in Indien, verschwindet dagegen, denn Nordamerika war damals schon ein Land unbegrenzter Möglichkeiten. Was wäre aus England geworden, wenn es sich diese Kolonien erhalten hätte!

Begleitworte zur Karte für 1783 auf Tafel VIII.

Die politische Lage nach dem Pariser Frieden.

Der Pariser Frieden hatte den Gegensatz zwischen England und Frankreich ver­schärft, Frankreich war unterlegen, aber nicht vernichtet, und es war vorauszusehen, daß die ererbte Feindschaft bei der nächsten Gelegenheit wieder emporlodern würde. Die Politik des damaligen leitenden Ministers in Frankreich, des Herzogs von Choi- seul-Amboise, wurde ganz von dem Gedanken der Wiedervergeltung beherrscht,