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A. Supun, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien.
nach Norden, bis sie die wasserseheidenden Höhen /.wischen dem Amazonas und dem Orinoco trifft, die sie dann weiter nach Osten verfolgt, soweit als das Gebiet der beiden Staaten sich ausdehnt. Man war noch der Meinung, die Wasserscheide sei immer an Gebirge gebunden; man kannte noch nicht jene berühmte Stelle, wo durch den Casiquiare eine völlige Vermischung der beiden großen Stromsysteme eintritt.
Die hier in Kürze beschriebene Grenze findet sich auf unserer Karte für 1754 (Tafel VT) eingetragen. Das Stück nördlich vom Amazonas ist ganz hypothetisch.
Vorderindien.
1. In Vorderindien betreten wir zum erstenmal einen Schauplatz der großen kolonialen Kämpfe dieses Zeitalters. Zugleich vollzog sich hier der Übergang von der punktweisen zur flächenhaften Kolonisation, von der kaufmännischen Ausbeutung zur militärischen Eroberung.
Dies war nur möglich, weil das Mongolenreich nach dem Tode Aurangsebs (1707), der sich durch seinen Fanatismus bei den Hindus allgemein verhaßt gemacht hatte, in raschen Verfall geriet. 1715 fielen die Hindufürsten von Radjputana ab, 1720 errang Dekan und 1732 Oudh die tatsächliche Unabhängigkeit, wenn auch der Großmogul dem Namen nach noch Oberherr blieb. An der Westgrenze erhoben sich äußere Feinde, 1739 überzogen die Perser das Mongolenreich mit Krieg, und noch gefährlicher und verwüstender waren die Einfälle der Afghanen zwischen 1747 und 1761.
Anderseits nahm die Macht' der Marathen in bedrohlichem Grade zu. Neben dem kraftlosen Königtum hatte sich hier das erbliche Haus meiertu m der Peschuas entwickelt, und unter den drei ersten Trägern dieser Würde (1718—61) hatte das Reich eine große Ausdehnung gewonnen. Es reichte im Norden über Malwa bis zum Chambal, nach Osten über die heutigen Zentralprovinzen bis Orissa, ja selbst Bengalen mußte ihm einige Zeit Tribut zahlen. Puna und Nagpur waren die Mittelpunkte dieses gefürchteten Räuberstaates.
Außer den Marathen haben wir in dieser Zeit auf der Dekanhalbinsel, abgesehen von Malabar, noch folgende Staatenbildungen: 1. Dekan oder nach seiner Hauptstadt Haidarabad genannt, unter Vizekönigen (Subahdär), die nach dem Gründer der heutigen Dynastie (f 1748) auch den Titel Nizam führten; 2. Karnatilt, das Küstenniederland unter dem Radja von Arkot und von Dekan abhängig; 3.—5. die Hindustaaten Trichinopoli, Tanjore und Mysore.
2. Außer den portugiesischen Besitzungen, die staatlich waren, waren alle anderen europäischen Handelsniederlassungen in den Händen privilegierter Gesellschaften, die nur beschränkte Souveränitätsrechte ausübten. Wie eifersüchtig diese Gesellschaften ihre Monopole wahrten, hat uns schon die Geschichte der Ostendekompagnie (siehe S. 103) gezeigt. Als diese in Verfall geriet, traten ihre Beamten (1731) in den Dienst einer schwedischen Ostindischen Gesellschaft, die aber ebensowenig Erfolg hatte. Ein anderes mißglücktes Unternehmen war die preußische Bengalische Kompagnie, die ein Engländer in Emden gründete, und der Friedrich d. Gr-