76
A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien.
weitestreichenclen Folgen für uns gewesen wäre, wurde von den protestantischen Städten zurückgewiesen. Im Dreißigjährigen Kriege und den folgenden Notjahren erstarb natürlich jedes weiter reichende Interesse, dann aber begann das Beispiel der benachbarten Kolonial Völker zu wirken. Das Projekt des Grafen Friedrich Kasimir von Hanau, eine deutsche Siedelungskolonie unter der Oberhoheit der niederländischwestindischen Kompagnie in Guayana zu gründen (1669), ist zwar (und wir können hinzufügen glücklicherweise) nicht verwirklicht worden, war aber doch ein bedeutsames Zeichen der Zeit. »"Wohlan denn, dapfere Teutsche« — ruft er in seinem Frankfurter Manifest aus — »machet, daß man in der Mapp neben Neu-Spanien, Neu- Frankreich, Neu-Engelland auch ins Künftige Neu-Teutschland finde!« 1 ). Diesen tapferen Worten folgte bald eine tapfere Tat. Seit sich die brandenburgische Flotte in dem Kriege gegen Schweden glänzend bewährt hatte, widmete ihr der Große Kurfürst (1640—88) seine besondere Sorgfalt, und Raule, ein geborener Holländer, stand ihm dabei als Berater, später als Generaldirektor der Marine zur Seite. Schon 1650 dachte der Kurfürst an eine Erwerbung des dänischen Forts Trancpiebar an der Coromandelkiiste; dazu kam es freilich nicht, aber es beweist, daß der Kurfürst schon sehr früh mit Kolonisationsplänen umging, und um so leichter konnte die Anregung zur Errichtung befestigter Handelsplätze an der Westküste Afrikas, die Raule in einer Denkschrift 1679 gab, auf fruchtbaren Boden fallen. Auch auf St. Thomas in Westindien wurde eine brandenburgische Niederlassung gegründet, und wenn sie auch niemals zur Bedeutung gelangte, so darf man sie doch nicht übergehen, weil sie zeigt, wie umfassend die Kolonialpläne des Großen Kurfürsten waren 2 ).
AVir haben jetzt die territoriale Entwicklung der Kolonien in geographischer Ordnung darzustellen und dabei die Ereignisse seit 1642, soweit sie nicht schon besprochen sind, nachzuholen. Das Jahr 1697 haben wir als Endtermin deshalb gewählt, weil der Frieden von Rijswijk nicht bloß in Europa, sondern auch in den Kolonien den Höhepunkt der französischen Macht im Zeitalter Ludwigs XIY. bezeichnet.
Das ostindische Kolonialgebiet.
1. Wir haben die Ausbreitung der holländischen Macht im Archipel bis zum Jahre 1670 verfolgt, und zuletzt die Unterwerfung von Makassar erwähnt. Flüchtlinge aus diesem Reiche wandten sich nach der Insel Madura und beunruhigten von hier aus durch Seeräuberei den Handel, gefährlich wurden sie aber erst, als sich Truno Djojo aus dem Regentengeschlecht von Madura ihnen anschloß und das Reich Mataram angriff (1675). Durch den Bündnisvertrag von 1646 wurde auoh die Ostindische Kompagnie in diese Wirren hineingezogen; auf ihr lastete die ganze Kriegführung, sie wußte aber auch aus der Niederlage Trunos (1679) erhebliche Vorteile zu ziehen. Ihr unmittelbarer Landbesitz wurde östlich bis zum Pamanukan- fluß erweitert, Semarang wurde ihr Haupthandelsposten in Ostjava, die wichtigste Folge aber war die, daß Mataram wenigstens handelspolitisch nun in völlige Ab-
9 Handelmann, Geschichte Brasiliens, S. 620.
2 ) Brandenburg-Preußen auf der Westküste von Afrika, 1687—1721. Herausgeg. v. Großen Generalstab, Berlin 1885. : ä