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A. Supan, Die territoriale Entwicklung der europäischen Kolonien.
Kartograph im östlichen Archipel nur auf die tatsächlich schon unterworfenen Inseln beschränken. Es mußte hier vielmehr zum Ausdruck kommen, daß die holländische Machtsphäre schon damals viel weiter reichte als die wirkliche Okkupation.
Der Kampf in Westindien
(einschließlich Guayana, Brasilien und Westafrika).
1. Im weiten Bereich des von Spanien beanspruchten Amerika gab es noch genug Punkte und Küstenstriche, die in Wirklichkeit Niemandsland waren. Selbst die älteste Kolonie, Haiti, wurde von der spanischen Autorität nicht völlig umspannt, und so konnte es geschehen, daß sich gegen Ende des 16. Jahrhunderts an der Nordküste abenteuernde Jäger, meist französische Normannen, niederließen. Sie stellten den verwilderten Rinderherden nach und dörrten das Fleisch in Rauclihiitten, Boucans, woher sie den Namen Boucaniers führten; die Häute verkauften sie gelegentlich an holländische Schmuggler. Um diesem Zustand ein Ende zu machen, griff Spanien 1606 zu einem drastischen Mittel: es schnitt Haiti völlig von der Außenwelt ab, nur alle drei Jahre kam ein Regierungsschiff nach S. Domingo. Um den Brand zu löschen, zerstörte man das Haus!
Im Gefühl seines unantastbaren Rechtes auf Amerika hatte Spanien es versäumt, die Kleinen Antillen wirklich in Besitz zu nehmen. Diese Inselkette barg zu wenig Schätze und zu große Gefahren, denn sie war der Wohnsitz der kriegerischen Kariben, die sich durch ihre Seetüchtigkeit, ihre kühnen Raubzüge und als leidenschaftliche Menschenfresser weithin gefürchtet machten. Am zugänglichsten waren die kleinen, schwach bevölkerten Inseln nördlich von Guadeloupe; sie eigneten sich vortrefflich zu Stützpunkten für Schleichhandel und Freibeuterei; sie wurden die Schlupfwinkel der sog. Flibustier, englischer, holländischer, vor allem aber französischer Abenteurer, die durch die Aussichten auf ein zügelloses Leben und auf mühelose Erwerbung von Reichtümern durch Überfall spanischer Schiffe und Brandschatzung der Küstenstädte angelockt wurden und in den Kariben willige Helfershelfer fanden. Die kolonisatorische Tätigkeit beginnt aber erst 1623 mit der Gründung einer englischen Niederlassung auf St. Christopher durch Thomas Warner 1 ). 1625 erschien hier der normannische Edelmann Belain d’Esnambuc, rettete die Engländer vor einem Überfall der Kariben und gründete eine französische Niederlassung. Warner wie d’Esnambuc bemühten sich nun um heimische Unterstützung; jener fand einen hilfreichen Protektor im Grafen Carlisle, dieser gewann den allmächtigen Minister Richelieu für seine weitausschauenden Pläne. Eine französische (1626) und eine englische Gesellschaft (1627) wurden gebildet, und beiden wurde die ganze Antillenkette mit allen Hoheitsrechten zugewiesen. Das hätte Veranlassung zu einem Konflikt geben können, aber zunächst handelte es sich nur um St. Christopher, und hier einigten sich beide Nationen 1627 zu friedlicher Teilung. Die Spanier hatten die Gefahr dieses Einbruchs in ihr Gebiet wohl erkannt, aber erst 1629 rafften sie sich
J ) Über die Anfänge der westindischen Kolonisation gibt eine gute Übersicht Saint-Yves, Des premiers relations entre les Antilles frangaises et les Antilles anglaises (Bull, de geogr. hist, et descriptive 1902, S. 207).