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Die Arbeiterverhältnisse und Besiedelungsversuche in den portugiesischen Besitzungen Sao Thomé, Angola und Portugiesisch-Ostafrika / von Oskar Bongard
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II. Die Madeirenser

Die verhältnismäßig starke Auswanderung aus Madeira nach Amerika brachte die Regierung auf den Gedanken, den Auswandererstrom nach Angola zu lenken, um dadurch die Besiedelung dieser Kolonie zu fördern. Diese Absicht wurde durch Gewährung von Unterstützungen an die künftigen Ansiedler erreicht. Im Jahre M4 kamen die ersten Madeiraleute und 1885 folgten 561 Personen beiderlei Geschlechts. Von den folgenden Jahren ist bekannt, daß 1888 nur 10, 1889 hin­gegen 288 und 1890 sogar 416 Personen auf Staatskosten nach Angola befördert wurden.*) Ende der neunziger Jahre wurde der Bezug von Ansiedlern aus Madeira eingestellt.

Bis zum Jahre 1888 wurden die Auswanderer unter den kräftigen, gesunden, nüchternen und arbeitsamen Feldarbeitern ausgesucht und diese Ansiedler bewährten sich auch gut. Von da an benutzten aber die Behörden Madeiras die Gelegenheit, um sich auf Kosten der Provinz Angola alles lästigen Gesindels zu entledigen. Bettler, Landstreicher, arbeitsscheue und heruntergekommene Leute aller Berufsarten, gleichgültig ob gesund oder krank, wurden als Familienvüter zur Besiedelung Angolas hinausgesandt. Viele waren Junggesellen; sie heirateten aber in letzter Stunde eine der zahlreichen Dirnen der Insel und kauften eine Anzahl Kinder zusammen, um der sich nach der Kopfzahl steigenden Regiernngsunterstützung teilhast zu werden.Wir wissen"' schreibt Pereira do Nascimento,daß vom Mutterlande bestimmte Weisungen nach Madeira gegeben sind, um die Anwerbung ungeeigneter Leute zu verhindern, es scheint aber, daß diese Befehle mißachtet werden, wurde doch sogar von dort aus einmal ein Schwarzer als Ansiedler nach der Hochebene von Mossamedes gesandt um die Ausbreitung der weißen Rasse zu fördern."

Die von der Regierung gezahlte Unterstützung war die Gelegenheit, welche es den Behörden Madeiras möglich machte, das arbeitsscheue Gelichter der Insel zur Auswanderung nach Angola zu veranlassen.

Die Verpflichtung der Ansiedler war auf fünf Jahre bemessen. Außer freier Überfahrt und Ackerbaugerät wurde ein Vorschuß zur Beschaffung von Ausrüstungs­gegenständen gewährt und während der ersten zwei Jahre eine Unterstützung gezahlt, welche täglich für jeden Erwachsenen 300 Reis, für jede Frau 200 Reis und für jedes Kind 100 Reis betrug. Zwei Hektar Land, welche dem Ansiedler zur Bebauung überwiesen wurden, fielen ihm nach fünf Jahren als Eigentum zu und konnten dann verkauft, vertauscht und mit Schulden belastet werden.

Wie wir oben gesehen, wurde durch Ankauf oder Leihen von Kindern die Familie künstlich vergrößert. Man ging aber noch weiter: Brüder, Schwestern, Oheime, Tanten, Vettern, Basen usw. wurden mitgenommen, und wo man keinen Verwandschaftsgrad mehr finden konnte, da nannte man die unterstützungsberechtigten Vergrößere der FamilieZugestellte" (^.AssreA-aäos).

Auf diese Weise wurden dem Staate große Summen entlockt, ohne daß der Zweck, die Besiedelung erreicht wurde. Denn die indolenten Madeirenser zogen es vor die zwei Jahre, während welcher sie die Unterstützung der Regierung erhielten, überhaupt in süßem Nichtstun zu verbringen und sich nachher bis zu ihrer Rückkehr

*) 0 Oistiioto äk No88k>.lli6ä68 pg-r I. Ueieii». ä<> Ug.8eim6nto. Hlwa 1892.