b) Aus den Berichten der Reisenden und Forscher. 225
weißen Muscheln etwa von der halben Größe eines Einpfennigstückes besteht. Dieselbe Art Muschelgeld wird auch auf der Neulauenburggruppe gebraucht und führt dort den Namen Diwara. Das Muschelgeld ist das- jenige, was der Kanaker am meisten liebt, auf dessen Erwerb von klein auf sein Sinnen und Trachten gerichtet ist. Mit Tabu kann der Eingeborene alles erlangen, was sein Herz begehrt, Nahrungsmittel, Waffen, Geräte, Weiber. Er kann Hilfe im Kampf und selbst Meuchelmörder, um sich seiner Feinde zu entledigen, damit erkaufen. Wer viel Tabu hat, ist nicht nur bei Lebzeiten ein großer, angesehener und gefürchteter Mann. Sogar für das Leben nach dem Tode ist es wesentlich, viel Muschelgeld besessen zu haben. Nur die Seele desjenigen hat ein angenehmes Dasein nach dem Tode zu erwarten, der eine angemessene Menge Tabu hinterlassen hat. Die Seele eines Armen kann nie nach den Bergnügungsplätzen der Geister der Verstorbenen gelangen, während die Seele eine „Uviana", eines reichen Mannes, nach seinem Tode in Gestalt einer Sternschnuppe dorthin fliegen kann. So ist der Arme nicht nur im Leben eine Nnll unter seinen Stammesgenossen, sondern ihn erwartet auch nach dem Tode ein freudenleeres Dasein.
Bei solchen Anschauungen erscheint es nicht wunderbar, daß die Kanaker habsüchtiger und geldgieriger sind, als der ärgste jüdische Wucherer. Jeder sucht so viel Tabu zusammenzuscharren, wie er nur irgend bekommen kann.
Das Tabu wird sowohl in ganzen Fäden, deren Länge durch seitliches Ausstrecken beider Arme gemessen wird, wie auch in kleinen eine größere oder geringere Zahl von Muscheln enthaltenden, von dem Faden abgetrennten Stücken in Zahlung gegeben. Wenn der Kanaker eine größere Anzahl Fäden beisammen hat, so legt er sie in Form eines Ringes nebeneinander und umwickelt sie mit Bast und Schnüren. Das Ganze, das dann etwa wie ein dickes Wagenrad, oder wie ein Rettungsgürtel aussieht, nennt man „Loloi". Es gibt solche, welche 500, 1000 und mehr Fäden enthalten. Im allgemeinen verbergen die Eingeborenen sorgfältig ihre Schätze. Doch zeigte mir gelegentlich ein alter Häuptling, welcher landeinwärts hinter der Ralumpflanzung lebte, drei Lolois, welche zusammen 3000 Fäden Tabu enthielten.
Totengebräuche der Kanaken.*)
Während der Lebenszeit des Kanaken kommt irgend ein besonderer Rang oder Einfluß, den er besitzen mag, gegenüber seinen Nachbarn in irgend einer äußeren Form kaum jemals zum Ausdruck. Dies ist für den Zeitpunkt seines Todes vorbehalten, wo es ihm nichts mehr nützen
') Joachim Graf Pfeil: „Studien und Beobachtungen aus der Süd- sce", S. 79.
Seidel, Koloniales Lesebuch. S. Aufl.
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