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Deutschlands Kolonien : Koloniales Lesebuch für Schule und Haus ; Beschreibung der deutschen Schutzgebiete nebst einer Auswahl aus der kolonialen Literatur / von A. Seidel. Bearb. von W. Kreyenberg
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b) Aus den Berichten der Reisenden und Forscher.

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Schaun, i)

In Deutsch-Ostafrika giebt es ein Wort, das eine vielfache Be­deutung hat. Es ist das Wort Schaun und heißt soviel wie Behand­lung, Beratung, Partei, Rat, Sache, Sitzung. Ohne Schaun kann der Ostafrikaner gar nicht leben. Nichts bereitet ihm solchen Genuß wie ein recht langes Schaun. Soll ein Huhn, eine Ziege, ein Ochse, ein Elfen­beinzahn oder sonst ein Objekt verkauft oder erworben werden, sv geht dem Handel ein endloses Schaun voraus. Will der Ostafrikaner eine Frau nehmen, so macht er mit sich selbst, mit seinen Verwandten und seinen zukünftigen Schwiegereltern Schaun. Hat ein Knabe ein Mägd­lein lieb, so macht er in erster Linie mit ihm Schaun. Will es sich nicht bethören lassen, so macht der abgewiesene Liebhaber schleunigst Schaun mit einem Medizinmanne behufs Lieferung von Liebestränken und anderen Zaubermitteln. Leidet jemand an einer hartnäckigen Krank­heit, so unternimmt er oft große Reisen, um mit einem berühmten Mganga, wir würden sagen Spezialisten, Schaun zu machen. Weigert sich ein Häuptling im Innern, zum Schaun zu kommen, so ist er lcaiäi, d. h. ein Rebell. Machen auf einer schwierigen oder gefährlichen Ex­pedition die Träger unter sich Schaun, so hat der Chef allen Grund, auf seiner Hut zu sein. Krieg und Frieden, Schuld und Sühne, alles hängt vom Schaun ab. Selbst der Straßenräuber setzt sich vor der Ausübung eines Verbrechens mit seinen Komplizen zu einem Schaun zusammen, in welchem Vor- und Nachteile der That sorgfältig erwogen werden. Bietet man dem Ostafrikaner unter der Hand für einen Gegenstand auch den denkbar höchsten Preis, so läßt er sich ohne Schaun doch ungern aus die Sache ein. Lieber giebt er ihn nach längerem Schaun brlliger weg. Er will doch wenigstens sein Vergnügen davon haben. Behelligt man den Farbigen, sei er nun Araber, Suahili oder Stammesangehöriger, mit einer ihm unangenehmen Affäre, so gebraucht er stets die Ausrede: ,8i 8bauri ^avgu^ (das ist nicht meine Sache). Macht man ihn in politischer Hinsicht für einen Genossen verantwortlich, so erwidert er gewöhnlich:Der Mann gehört zu einem anderen Schaun".

Wegen jeder Bagatelle wird Schaun gemacht. Einst erbat sich auf einer Expedition während der Marschpause mein Diener Urlaub, um wegen eines Mittagsmahles mit seinen Freunden Schaun zu machen. Nach etwa einer Stunde kehrte er zurück.Nun," fragte ich scherzend, was gedenkt ihr denn zu speisen?"Bananen," war die Antwort. Und um das herauszutüfteln, braucht ihr eine Stunde Zeit?" rief

9 A. Leue: »Deutsche Kolonialzeitung 1899", S. 421.