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Das Deutschtum im Ausland vor dem Weltkrieg / von Robert Hoeniger
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Österreich; geschichtliche Entwicklung; Hans Habsburg

Mähren und Schlesien die Herrschaft erst antraten, als die mittelalter­liche Kolonisation ihren Höhepunkt überschritten hatte, lag der Gedanke einer planmäßigen Durchdringung der fremdvölkischen Elemente mit deutscher Kultur fern. Das Haus Habsburg folgte ganz den Antrieben, die an den andern Höfen wirksam waren, wenn es im 16., 17. und 18. Jahrhundert vornehmlich auf Abwehr religiöser Spaltungen und auf Festigung der unbeschränkten Herrschermacht bedacht war. Gerade im Hinblick auf das bunte Völkergemisch ihres Staates galt dem Herrscher­hause der katholische Einheitsglaube als ein unentbehrliches Bindemittel. Und dem dynastischen Interesse hat man ganz nach den Gepflogenheiten damaliger Staatskunst das nationale Moment hintangestellt.

Trotz alledem schießt das Urteil, daß Habsburg Verrat am Deutsch­tum geübt hätte, über das Ziel hinaus. Gewiß hat Habsburg am Deutsch­tum sich versündigt. Die Unterdrückung des Protestantismus hat dem deutschen Österreich ein gut Teil seiner gesunden Kraft geraubt. Und unter den alten österreichischen Verwaltungsgepflogenheiten hat etwas von gedankenloser Leichtlebigkeit und gemütlichem Gehenlassen sich ein­genistet. Das sind Schädigungen, die in der Oberschicht der Bevölke­rung und die war vorzugsweise deutsch lange nachwirkten. Sie haben jene politische Zerfahrenheit und Unentschlossenheit gezeitigt, die namentlich in der Phäakenstadt Wien als österreichische Besonderheit so oft hervortrat. Aber bewußt deutsch-feindliche Absichten des offiziel­len Österreich sind erst in den Schwankungen der letzten Jahrzehnte mit der zeitweiligen Begünstigung slawischer Ansprüche zutage getreten, seit Österreich aus dem Deutschen Reich sich ausgeschlossen sah und ge­rade die Deutschen in Österreich den dringendsten Staatsnotwendigkeiten sich widersetzten. Soviel wird man allerdings sagen müssen: rein deutsch­nationale Gesichtspunkte haben die Habsburgische Politik nie bestimmt und werden sie in Zukunft erst recht nicht bestimmen. Denn heute tritt der Herrscher notwendig in den Dienst seines Volkes. Der Hohenzoller, der in Rumänien regiert, oder der Koburger, der in Bulgarien die Krone trägt, muß in erster Linie rumänische, beziehungsweise bulgarische Interessen sich zu eigen machen. In Österreich-Ungarn hat nach diesem Grundsatz die Dynastie die sehr verschiedenartigen Wünsche bunt zu­sammengewürfelter Nationalitäten zu beachten. Ein rein deutscher Zen­tralismus ist menschlicher Voraussicht nach in Österreich ausgeschlossen. Wohl aber läßt sich erwarten, daß in Österreich das deutsche Element wieder die Stellung erlangt, die seiner tatsächlichen Bedeutung ent-