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Das Deutschtum im Ausland vor dem Weltkrieg / von Robert Hoeniger
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12 Das Deutschtum in d. v. neuen Reich getrennten ehemalig. Reichslanden

Ziehen wir die Summe: Holland ist noch heute ausgeprägt germa­nisch, aber es ist nicht deutsch. Die wirtschaftlichen Verknüpfungen mit dem einstigen Mutterlande stehen für Holland in vorderster Reihe und auch die politischen Interessen weisen Holland doch wohl am ehesten auf das Deutsche Reich hin. Die Neigung zum Anschluß nach dieser Richtung wird in Holland um so mehr wachsen, je kräftiger das Deutsche Reich seine Seemacht entwickelt.

Belgien. Ähnliche Erwägungen haben, allerdings mit gewissen Ein­schränkungen, bezüglich Belgiens Geltung. Die Einschränkungen er­geben sich vor allem aus dem Umstand, daß Belgien ein national ge­mischtes Gebiet ist. Der südliche Teil des Landes ist von französisch­redenden Wallonen bewohnt.

Belgien stand in seinen politischen Beziehungen zum alten Deut­schen Reich mit Holland auf gleicher Linie. Erst der Abfall der Nord­niederlande führte die vordem verschwisterten Landesteile auseinander. Belgien blieb nominell Reichsland. Nach dem Erlöschen der spanischen Habsburger ist Belgien in österreichischen Besitz übergegangen, in der großen Revolution in französischen. Die auf dem Wiener Kongreß er­folgte neue Verkoppelung Belgiens mit Holland ist in der Revolution von 1830 zerrissen worden. Seither hat Belgien die Rechte eines selb­ständigen neutralen Staates.

Das heutige Belgien steht kulturell weit überwiegend in französi­scher Abhängigkeit. Schon die Sprache des burgundischen Hofes zu Brüssel war französisch gewesen. Die spanische wie die österreichische Epoche hat das Französische nicht verdrängt oder beeinträchtigt. Seit der Zeit der Revolution und des Napoleonischen Kaiserreichs ist der französische Einfluß im Lande nachdrücklich gesteigert worden, nament­lich durch die lebendige Förderung, die in der Zeit der Kontinental­sperre der Industrie Belgiens zuteil wurde, und durch die tatkräftige Unterstützung Frankreichs bei der Begründung eines eigenstaatlichen Daseins. Seitdem hat die Französierung unverkennbare Fortschritte gemacht. Die besitzende und gebildete Oberschicht neigte ausgesproche­nermaßen zu Frankreich. Nach ihren Absichten sollte durch die Be­günstigung der französischen Sprache die Kluft vertieft werden, die Belgien von Holland schied. Unter diesem Gesichtspunkt ist in der belgischen Verfassung das Französische zur Staatssprache erhoben worden. Belgien erscheint heute dem flüchtigen Besucher als französisches Land.