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Deutschlands Kolonien : Koloniales Lesebuch für Schule und Haus ; Beschreibung der deutschen Schutzgebiete nebst einer Auswahl aus der kolonialen Literatur / von A. Seidel.
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0. Die deutschen Schutzgebiete in der Südsee.

Totengebräuche der Kannten. *)

Während der Lebenszeit des Kanaken kommt irgend ein beson­derer Rang oder Einfluß, den er besitzen mag, gegenüber seinen Nachbarn in irgend einer äußeren Form kaum jemals zum Ausdruck. Dies ist für den Zeitpunkt seines Todes vorbehalten, wo es ihm nichts mehr nützen kann, andere aber davon profitieren. Wir haben schon gesehen, wie bei dem Tode eines Reichen die Zahl der Leidtragenden in genauem Ver­hältnis steht zu der Menge Diwarra, die nach altem Brauche zur Ver­teilung kommt. Man kann unter den Kanaken daher mit mehr Recht von vergnügten Leidtragenden als von lachenden Erben reden. War der Ver­storbene ein Mann von Rang und Einfluß, so ist sein Leichenbegängnis mit nicht geringer Zeremonie verknüpft. Der Körper wird in ein Kanoe gelegt und dieses etwa vier Fuß über dem Boden auf aufrecht stehenden Pfählen befestigt. In den Boden des Kanoes wird in der Mitte ein Loch gebrochen, von welchem ein zur Röhre ausgebohrtes Bambus bis in eine ungefähr einen Fuß tiefe Grube in die Erde führt. Diese Röhre soll alle flüssigen Verwesungsprodukte in die Erde leiten. In dem Kanoe verbleibt der Körper, bis alle verweslichen Teile vollkommen verschwunden und nur die Knochen übrig geblieben sind. Diese werden dann festlich begraben, auf der Stelle einige bunte Crotons gepflanzt und solche Gegenstände niedergelegt, die der Verstorbene wert hielt. Sein Schädel wird im Tambuhause aufgehängt, damit sein Geist in der Nähe des Dorfes weile und sich überzeuge, daß sein Andenken in Ehren gehalten wird. Die Weiber des Verstorbenen haben harte Bedingungen zu er­füllen. Ehe der Leichnam in das Kanoe gelegt wird, verbleibt er mehrere Tage in dem Hause, welches er bei Lebzeiten bewohnte. Hier haben ihm seine Frauen eine Zeitlang Gesellschaft zu leisten, und niemand darf während dessen das Haus betreten. Den Frauen wird ihre Nahrung hineingereicht, ihre Exkremente geben sie in dazu bestimmten Kokosnuß- schalen heraus. Man vermag sich kaum vorzustellen, was es zu bedeuten hat, in einem tropischen Klima tagelang mit einem Leichnam eingesperrt zu sein; dennoch hört man nichts von Erkrankungen der dazu Verurteilten, vermutlich, weil keine ansteckenden Krankheiten hier vorkommen. Auf die Umgebung wirkt das Kanoe, in welches später der Leichnam gelegt wird, verpestend. Ein Missionar hatte darunter zu leiden, daß gerade vor seinem Hause ein solcher Kanoesarg aufgestellt wurde, wo der Verfasser ihn selbst sah. Erst die Zahlung von 100 Faden Diwarra, also ein Wert voir etwa 200 Mark, vermochte die Angehörigen, das Kanoe an einen anderen Ort zu bringen. Ein weniger bedeutender Mann wird in seinem eigenen Hause begraben. Der Erdboden wird aufgewühlt und

1) Joachim Graf Pfeil:Studien und Beobachtungen aus der Süd­see", S. 79.