II. Der Bismarckarchipel und die Salomonen.
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Das Muschelgeld der Eingeborenen der Gazellenhalbinsel.
Man kann von den Küsteneingeborenen der Gazellehalbinsel nicht sprechen, ohne gleichzeitig das „Tabu" zn erwähnen. Tabu, bei manchen Stämmen Tambu gesprochen (dasselbe Wort heißt auch „verboten"), ist das Muschelgeld, welches aus kleinen auf Schnüren aneinander gereihten weißen Muscheln etwa von der halben Größe eines Einpfennigstückes besteht. Dieselbe Art Muschelgeld wird auch auf der Neulauenburg-Gruppe gebraucht und führt dort den Namen Diwara. Das Muschelgeld ist dasjenige, was der Kanaker am meisten liebt, auf dessen Erwerb von klein auf sein Sinnen und Trachten gerichtet ist. Mit Tabu kann der Eingeborene alles erlangen, was sein Herz begehrt, Nahrungsmittel, Waffen, Geräte, Weiber. Er kann Hilfe im Kampf und selbst Meuchelmörder, um sich seiner Feinde zu entledigen, damit erkaufen. Wer viel Tabu hat, ist nicht nur bei Lebzeiten ein großer, angesehener und gefürchteter Mann. Sogar für das Leben nach dem Tode ist es wesentlich, viel Muschelgeld besessen zu haben. Nur die Seele desjenigen hat ein angenehmes Dasein nach dem Tode zu erwarten, der eine angemessene Menge Tabu hinterlassen hat. Die Seele eines Armen kann nie nach den Vergnügungsplätzen der Geister der Verstorbenen gelangen, während die Seele eines „Uviana", eines reichen Mannes, nach seinem Tode in Gestalt einer Sternschnuppe dorthin fliegen kann. So ist der Arme nicht nur im Leben eine Null unter seinen Stammesgenossen, sondern ihn erwartet auch nach dem Tode ein freudenleeres Dasein.
Bei solchen Anschauungen erscheint es nicht wunderbar, daß die Kanaker habsüchtiger und geldgieriger sind, als der ärgste jüdische Wucherer. Jeder sucht so viel Tabu zusammenzuscharren, wie er nur irgend bekommen kann.
Das Tabu wird sowohl in ganzen Fäden, deren Länge durch seitliches Ausstrecken beider Arme gemessen wird, wie auch in kleinen eine größere oder geringere Zahl von Muscheln enthaltenden, von dem Faden abgetrennten Stücken in Zahlung gegeben. Wenn der Kanaker eine größere Anzahl Fäden beisammen hat, so legt er sie in Form eines Ringes nebeneinander und umwickelt sie mit Bast und Schnüren. Das Ganze, das dann etwa wie ein dickes Wagenrad, oder wie ein Rettungsgürtel aussieht, nennt man „Loloi". Es gibt solche, welche 500, 1000 und mehr Fäden enthalten. Im allgemeinen verbergen die Eingeborenen sorgfältig ihre Schätze. Doch zeigte mir gelegentlich ein alter Häuptling, welcher landeinwärts hinter der Ralumpflanzung lebte, drei Lolois, welche zusammen 3000 Fäden Tabu enthielten.
Z Dr. Heinrich Schnee: „Bilder aus der Sndsee". Mit 37 Abbildungen und einer großen Karte. Eleg. gebd. 12 M. Mit gütiger Erlaubnis des Verlages von Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Berlin.
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