Das Schutzgebiet Kiautschou in Ostasien. 183
Esel, der an einer Stange um eine Achse geht, mittels eines Mühlsteines gemahlen; dann wirft man den Dünger auf Haufen, so daß auch nicht ein Körnchen des kostbaren Stoffes verloren geht. Überall auf dem Land das Bild der Arbeit. Auch in den Marktflecken herrscht reges Leben an den Markttagen, wenn auch die Beschäftigung nur im Kaufen und Verkaufen besteht. Sieht man sich aber in den Städten um, so glaubt man, daß die meisten Leute nichts zu tun haben. Sie bewegen sich langsam und stehen müßig umher.
Ein Dorf in Schantung. *)
Betritt man ein Dorf, so schwindet allerdings der Reiz, den es aus der Ferne bietet; denn auch hier fehlt nicht der Schmutz in den Straßen und Häusern, der ein allgemeines Attribut von China ist. Man gewahrt an den Häusern den Mangel an rechten Winkeln und geraden Linien, welcher einen der vielen Gegensätze von ganz China überhaupt zu Japan bildet. Die Fenster bestehen, wie überall, aus hölzernen, mit Papier überklebten Gittern und erreichen hier eine mäßige Größe, welche ein Bedürfnis nach Licht bekundet. Kommt der Fremde in die schmale, meist mit Steinplatten unvollkommen belegte Dorfstraße, so bellen ihn Hunde einer gemeinen, allgemein verbreiteten Rasse an und belästigen ihn, sind aber, wie allerwärts in China, zu feige, um ihm jemals ein Leid anzutun. Schweine kleinen Schlages mit auf den Boden herabhängendem Bauch sind privilegierte Inhaber der Dorfstraße und erhalten Zulaß in die Häuser. Dazu kommen die üblen Gerüche, die nie fehlen, wo Chinesen eng zusammen leben. Abfälle aller Art, die nie hinweggeräumt werden, Ausdünstungen der offenen Kochherde, Salzfische in den Kramhandlungen, dazu der spezifische Geruch, der der Rasse eigen ist, und den nur der Fremde bemerkt, das wirkt alles zusammen, um die Nerven unangenehm zu berühren. Und doch gedeiht der Chinese zu kräftigem, hohem Alter in einer Atmosphäre, die der Europäer als verpestet empfindet. Gibt es somit auch genug Unästhetisches zu überwinden, so stehen doch die Dörfer von Schantung verhältnismäßig hoch. Manche Einrichtung, abgesehen von der Bauart, weckt heimische Erinnerungen, so z. B., wenn die Dorfbewohner sich des Abends auf dem Dorfplatz unter einer Gruppe hoher Bäume, die unseren Dorslinden entsprechen, zusammenfinden. Hier sitzen sie stundenlang auf Steinen, die im Umkreis angeordnet und vom Alter geglättet sind, rauchen ihre Pfeife und unterhalten sich über die Tagesereignisse. Sehr weit reicht dabei ihr Blick natürlich nicht. Was im Dorf und in der Kreisstadt vorgeht, mag wohl am meisten ihr Interesse in Anspruch nehmen. Dann kommen die Nachrichten, welche die durchreifenden Fuhrleute von weit her bringen,
i) v o n Richthofeu: „Schautung", S. 99.