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Der Norddeutsche Lloyd.
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DAS wirtschaftliche Leben innerhalb des Deutschen Reiches hat im letzten halben Jahrhundert eine völlige Umgestaltung erfahren. Der mächtig emporblühenden Industrie ist die Ausbildung des Überseehandels auf dem Fuße gefolgt, seit etwa 3 Jahrzehnten ist die Tendenz des Überseehandels darauf gerichtet, sich von fremder Vormundschaft und Vermittlung zu befreien, deutsche Erzeugnisse und Bedürfnisse durch deutsche Handelshäuser und auf deutschen Schiffen zu befördern.
Der deutsche Gesamthandel ist auf 12 OOO Millionen Mark im Jahre 1906 gestiegen, zwei Drittel davon bewegen sich im Überseeverkehr.
Es ist selbstverständlich, daß gegenüber einer solchen Entwicklung die Grundlagen ein besonderes Interesse verdienen, auf denen die deutschen überseeischen Erfolge ruhen, daß es notwendig ist, den geschichtlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen grundlegenden Faktoren zu suchen, der inneren Wechselwirkung zwischen den Hilfsmitteln der deutschen Erfolge und diesen selbst nachzugehen.
Die Schiffahrt spielt in der neueren Zeit in Deutschland eine größere Rolle als in den meisten anderen Kulturstaaten. Der Grund dafür liegt im wesentlichen in dem Umstand, daß die deutsche Reederei der Neuzeit mit dem Eintritt des Dampfschiffs als Träger überseeischer Beziehungen nicht nur eine größere Konzentration als in anderen Ländern, sondern vor allen Dingen eine logische Entwicklung zeigt, deren Endergebnis in dem Entstehen größerer Reedereien zu finden ist, als sie irgend ein anderes Land aufzuweisen hat.
Für die angedeutete Logik der Entwicklung sowohl wie für die erdumspannende Größe deutscher Schiffahrt bildet der Norddeutsche Lloyd in Bremen das markanteste Beispiel.
Der Norddeutsche Lloyd hat soeben sein 50jähriges Jubiläum feiern dürfen; von der Gründung des Lloyd an durch das halbe Jahrhundert seines Bestehens macht sich ein durchaus zielbewußtes, in größtem Maßstabe verfolgtes Bestreben geltend, überall, daheim und im Auslande, die großdeutschen Interessen wahrzunehmen, die Fäden zu erweitern, welche die Interessen der Nationen untereinander verknüpfen, daheim die Faktoren zu entwickeln, welche für das Blühen und Gedeihen der deutschen Übersee-Beziehungen von grundlegender Bedeutung sind, Deutschland unabhängig zu machen endlich von jeder irgend zu vermeidenden Beeinflussung durch das Ausland.
Durch die angedeuteten Bestrebungen ist der Lloyd der wichtige Wirtschaftsfaktor im deutschen Volksleben geworden, als welcher er angesehen werden muß.
Gegründet im. Jahre 1857 nach verhältnismäßig kurzen Vorarbeiten und mit dem für damalige Verhältnisse großen Kapital von 3 Millionen Taler Gold, zeigt schon der Gründungsprospekt des Norddeutschen Lloyd die Ziele, welche im vorstehenden gekennzeichnet wurden.
Wenn man bedenkt, daß der Lloyd zu einer Zeit gegründet wurde, in welcher von irgend einer politischen Machtstellung des deutschen Namens nicht im entferntesten die Rede sein konnte, wenn man in Rechnung zieht, daß infolgedessen die Aussichten auf einen Schutz der Reederei-Interessen im überseeischen Auslande gleich Null waren, so muß es eigentlich wundernehmen, daß, zumal damals die Entwicklung der deutschen Industrietätigkeit und im Anschluß daran der Überseehandel noch in den Kinderschuhen steckte, im Zeiträume weniger Monate das Kapital zur Gründung des Lloyd sich — allerdings fast ausschließlich aus Bremer Kreisen — fand. Der Umstand, daß bis zur Gegenwart eine vollkommen stetige Entwicklung stattgefunden hat, beweist nicht nur die Richtigkeit der von den Gründern des Lloyd in weiser Voraussicht erkannten Lebensbedingungen deutscher Reederei, sondern vor allen Dingen auch das enge Ineinandergreifen der in der Reederei verkörperten Interessen mit den Interessen des deutschen Hinterlandes.
In den ersten beiden Jahrzehnten seines Bestehens sind die Lehrjahre zu erblicken, in denen trotzdem unter schwierigsten Verhältnissen ein stetiger Fortschritt erkennbar ist. Die Direktoren der ersten 20 Jahre, vor allen Dingen der bis zur Gegenwart bei weitem nicht seinem wahren Verdienste nach gewürdigte Crüsemann, hoben schon während dieser ersten beiden Jahrzehnte der Lloydgeschichte das Unternehmen aus dem ursprünglichen Rahmen des Newyorker Verkehrs, durch die Einbeziehung von Baltimore, Westindien und Südamerika, heraus.
Vor allem aber suchten sie in dem Schiffsmaterial sowohl wie in der organischen Gestaltung des Verwaltungsapparates und der einer so großen Reederei notwendigen Hilfsbetriebe die Grundlagen für die Weiterentwicklung zu sichern.