Druckschrift 
Der nationale Wiederaufbau und der Verein für das Deutschtum im Ausland / Christian Friedrich Weiser
Entstehung
Seite
1
Einzelbild herunterladen
 

"H ufere politische Machtstellung und unsere nationale Wirtschaft sind I I zertrümmert, der alte Staat mitsamt seiner Gesellschaftsordnung ist vernichtet und ein neuer Staat in der Bildung begriffen. Unter unerhörten Schwierigkeiten ringt das deutsche Volk um die Neubegrün- dung seines staatlichen und wirtschaftlichen Seins. Wir wurden nicht besiegt durch die Waffengewalt der gegen uns stehenden Welt, sondern durch die falschen Worte des Herrn Wilson, der mit seinem Flötenspiel von Freiheit und Gerechtigkeit ein ganzes Volk betörte und in den Ab­grund lockte die grausige Erfüllung eines alten deutschen Märchens. Aber auch das Spiel Woodrow Wilsons hätte nichts über uns vermocht. Wir erlagen dem Hunger und seinen Folgen. Die Nachwelt sei Richter zwischen uns und unseren Feinden, die durch ihre über Deutschland ver­hängte und nach dem Waffenstillstand nur noch verschärfte Hungerblockade bis zur Stunde mehr als 900 000 Menschen, zumeist Frauen, Kinder und Greise, getötet und Seucheü unter uns entfesselt haben, denen noch weitere Hunderttausende, oder gar Millionen, mit unentrinnbarer Gewißheit zum Opfer fallen werden. Schaudernd vernahmen wir, daß Engländer es in der Öffentlichkeit mit Genugtuung verkündeten, das deutsche Volk sei in­folge der Hungerblockade bis gegen Mitte des Jahrhunderts unschädlich gemacht. Richten wird die Nachwelt auch darüber, daß England und Amerika, die ein ganzes Volk kalten Sinnes in einen Hungerturm ein­schlössen, sich gegen uns als die Sachwalter der Humanität und Christ- lichkeit auswarfen, und daß sie uns als Feinde Gottes und der Mensch­heit brandmarkten, weil unsere Männer in verzweifelter Notwehr die Mauern des Grabgewölbes zu durchstoßen suchten, das sich mit den Leichen unserer Mütter und Säuglinge anfüllte.

Gleichwohl sind wir der festen Zuversicht, daß das zureichend er­nährte deutsche Volk sich in Kürze ermannen wird, der heutige Kleinmut wird verschwinden und in erneutem Selbstvertrauen werden wir den Wiederaufbau bewerkstelligen. Während das Deutschland der Gegenwart zerbrochen um uns liegt, erinnern wir uns mit Stolz der Großtaten unserer Nation in der Vergangenheit, der leuchtenden Namen unserer Geistesgeschichte, deren Glanz die Welt erfüllte, und die Vergangenheit ist uns eine Gewähr der Zukunft. Der Sinn des deutschen Idealismus, durch den wir vordem einen eigenen Ort errangen unter den Kultur­völkern, ist für uns heute der Glaube an das Ewig-Zukünftige, der Glaube an den Geist, der die Welt bezwingt und gestaltet. Der deutsche Geist aber ist ungebrochen, er wird als schöpferischer Wille das Schicksal zwingen und die Steine des heutigen Trümmerfeldes zu einem neuen, stolzen Baue türmen.

1