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Während des Krieges in Deutsch-Ostafrika und Südafrika : meine Erlebnisse bei Ausbruch des Krieges in Deutsch-Ostafrika, im englischen Gefangenenlager in Südafrika und auf der Rückreise nach Europa ; mit 2 Karten und 9 Abbildungen / von Prof. Dr. G. Gürich, Direktor des Mineralogisch-Geologischen Instituts zu Hamburg
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Vom Balmhofe wurde das Gepäck mit Wagen nach Fort Napier gebracht. Wir mußten die Strecke zu Fuß gehen, natürlich unter der Führung unserer Polizisten. Allenthalben ging es durch Wellblech­zäune und Stacheldrahtverhaue. Zuerst zur Kommandantur, wo wir zum vierten Male eingetragen wurden, diesmal alsKriegsgefangene.

Im Gefangenenlager zu Pietermaritzburg.

Schon vom Eisenbahnzuge aus waren mir die von Well­blechzäunen umschlossenen Teile des Höhenrückens oberhalb des Bahnhofes und die erhöhten Ausgucke bewaffneter Wächter aufgefallen. Wir gelangten an ein Wellblechtor, meine Koffer

wurden noch einmal untersucht, Zeißfeldglas, zwei photographi­sche Apparate, elektrische Taschenlampen und mein großer geolo­gischer Hammer (meinen kleinen ließ man mir) wurden abgenommen und in Verwahrung gegeben. Das englische Geld hatte ich schon vorher auf der Kommandantur gegen Quittung abgeben müssen; auf Verlangen konnte ich mir in der Woche 5 Pfund Sterling auszahlen lassen; das deutsche ließ man mir. Nun öffneten sich die Tore, die hinter uns wieder geschlossen wurden; ein zweites Stacheldrahttor tat sich auf, und wir waren am Ziele, im Gefangenenlager. Vor uns ein weiter Platz, im Hintergründe Baracken. Mehrere Hundert hemdärmelige oder noch weniger bekleidete Leute wandelten in Gruppen in der Frische der Abendluft. Alle kamen uns entgegen, teils höhnisch johlend, neugierig fragend oder gutmütig grüßend. Die ganze Gesellschaft kam mir sehr aufgeregt vor und ich in meiner trübseligen Stimmung hatte etwa den Eindruck in ein Tollhaus zu kommen. Das ging aber schnell vorüber; die ersten Worte wurden gewechselt, wir konnten wieder deutsch reden! Kräftige Fäuste halfen uns unser Gepäck hinunter tragen zu der uns angewiesenen Baracke. Das war der letzte Tag im Jahre 1914! Mir wurde eine weite Halle in einem güterschuppenähnlichen Gebäude angewiesen, wo ich mit etwa 100 Leidensgefährten schlafen sollte; es war aber Sylvesterabend und an Ruhe nicht zu denken. Um 10 Uhr wurden die Lichter gelöscht (ein Gesuch um längere Beleuchtung war abgelehnt worden), aber ausnahmsweise gab es heute am Abend noch einmal Kaffee und Privatgebäck; dann begann ein unglaublicher Sylversterrummel; Maskerade und Tanz in den' Hallen. Beim Verlöschen der Lichter wurde das Schreien und Lärmen lauter und zügelloser; die Wellblechwände wurden mit Knüppeln geschlagen und eine eigenartige ohrenzerreißende Musik mit Wellblechinstrumenten veranstaltet, dazu Umzüge und Vorführungen in all den einzelnen Baracken. Der letzte Umzug tobte um 12 Uhr, dann auf einmal wurde es ruhiger; aus einem Nachbargebäude ertönte Männergesang:Dies ist der Tag des Herrn