Verschwindende Flüsse.
Mit Ausnahme eines kleinen, halbunterirdisch fließenden Baches, welcher südöstlich von Chuaka zwischen Cheraue und Mkongoroni am Strande hervortritt, sind unterirdischeFlußläufe auf Sansibar nicht bekannt. Eine auffallende Erscheinung ist es jedoch, daß eine Reihe von Bächen, welche aus dem westlichen, nicht korallinen Gebiete kommen, bei ihrem Eintritt in das Kalkland sich in einem Sumpfe verlieren. Das Grenzgebiet zwischen dem Kulturlande mit seinem weichen Boden und dem Korallenlande ist geradezu durch Sumpfbildungen ausgezeichnet. Es liegt zunächst nahe anzunehmen, daß das Wasser dieser Bäche von den Klüften und Spalten des Kalksteines aufgenommen wird und unterirdisch weiter fließt, eine für Karstgebiete nichts weniger als auffallende Erscheinung. Doch, spricht schon die starke Versumpfung an den Endpunkten solcher Wasserläufe wenig für diese Ansicht, so glaube ich, daß wir ihrer auch zur Erklärung dieser Erscheinung nicht unbedingt bedürfen.
Der bekannteste und größte der verschwindenden Wasserläufe der Insel Sansibar ist der Muerafluß, der östlich der Masingini-Hügel- kette in nordsüdlicher Richtung verläuft und bei der Lokalität Kibondei- msungu in einem Sumpfe sein Ende findet. Baumann 1 vermutet, daß er einen unterirdischen Abfluß zu der wenige Kilometer südlich gelegenen Kiwani-Bai habe. Die Situation ist folgende: Der Fluß teilt sich bei seinem Eintritt in das von üppiger Sumpfvegetation bedeckte Terrain von Kibondei-msungu in zwei ungleiche Arme, welche im Sumpfe verschwinden. Das Tal des Flusses aber schließt unterhalb mit einer leichten Bodenerhebung ab. (»Blindes Tal«). Keinerlei Erscheinungen konnte ich entdecken, welche dafür sprechen, daß der Fluß sein Bett unter die Oberfläche verlegt. Weder typische Felsponore noch kleine Sauglöcher und Spalten oder solche überdeckende Schwemmlanddolinen waren zu sehen. Ich möchte die Ansicht vertreten, daß es sich hier, wie auch in den übrigen gleichartigen Fällen auf der Insel Sansibar, wo Wasseradern beim Eintritt in das Korallenland unter Sumpfbildung ihr Ende finden, lediglich um eine Stauwirkung handelt. Wir werden im folgenden Abschnitt sehen, wie enorm sich die erodierende Wirkung des Wassers auf den weichen, aber cohärenten lehmig-sandigen Boden (Mikindanischichten) äußert, welcher das Hauptgestein des westlichen Kulturlandes Sansibars bildet und hier die höchsten Hügelreihen aufbaut, denen fast sämtliche Wasseradern der Insel entströmen. Mir erscheint es nun sehr wohl möglich, daß beim endgültigen allmählichen Auftauchen Sansibars die Gewässer ihr Bett leicht und tief in den weich en, zuerst über den Meeresspiegel sich erhebenden
1 Die Insel Sansibar, S. 13.
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