Entstehung der Höhlen.
Es ist vielfach die Ansicht ausgesprochen worden, daß die in gehobenen Korallenkalken vorkommenden Höhlungen ursprünglichen Lücken des lebenden Riffes entsprechen. Namentlich Walter 1 spricht sich sehr entschieden in diesem Sinne aus. Ich muß gestehen, daß ich nach dem was ich in Ost-Afrika zu beobachten Gelegenheit hatte, mich dieser Ansicht nicht anzuschließen vermag. Da ich mich jedoch weiter unten noch ausführlicher zu dieser Frage äußern werde, kann ich mich hier ziemlich kurz fassen und will nur die wichtigsten der in Betracht kommenden Tatsachen hervorheben.
Wie die vorhergehende Beschreibung der in den ostafrikanischen Korallenkalken beobachteten Höhlen ohne weiteres erkennen läßt, zeigen diese wesentlich andere Formen, als sie den im lebenden Riffe vorkommenden Lücken und Hohlräumen zukommen, stimmen aber vollkommen mit denjenigen Höhlen überein, die wir auch in den Kalken älteren geologischer Formationen antreffen. Diese Höhlen sind nur in den ältesten der fossilen Korallenkalke unseres Gebietes bekannt, ln diesen sind aber durch Spaltenbildung und Zerklüftung, sowie vermöge ihrer Festigkeit alle Bedingungen gegeben,welche den Kalkstein bei seiner leichten Löslichkeit in kohlensäurehaltigem Wasser allgemein zur Höhlenbildung geeignet machen. Diese Eigenschaften zeigt der ganz junge Riffkalk noch nicht. Wo dieser, wie z. B. am Ras Mbueni auf Sansibar, neben einem älteren Riffgesteine im Niveau des Strandes ansteht, läßt sich leicht beobachten, wie verschiedenartig die Wirkung ist, welche die Brandungswelle auf beiderlei Felsarten ausübt. Der ältere Kalk ist unterwaschen und durch Höhlungen ausgezeichnet, seine ganze Oberfläche ist von unregelmäßig schwammartig zerfressener Struktur. Der junge Kalk aber zeigt eine senkrecht wie eine Mauer aufragende Front. Zwar bilden sich auch am Fuße dieser durch die Tätigkeit der Meereswogen seichte Hohlformen aus, doch alsbald stürzen die überruhenden Massen nach, und die glatte wand- artige Form des Riffabsturzes bleibt gewahrt. Wir ersehen hieraus, daß der jüngste Kalk noch nicht genügend gefestigt ist, um eine nachträgliche Höhlenbildung zuzulassen. Aus gleichem Grunde ist aber auch die Erhaltung etwa vorhandener ursprünglicher Sedimentlücken ausgeschlossen, ln der Tat sind uns auch in diesem Gesteine keinerlei Höhlen bekannt. Würden die (in dem älteren Kalke) auftretenden Höhlen ursprünglichen Hohlräumen des lebenden Riffes entsprechen, dann müßten wir gerade in den jüngsten Kalken die besterhaltenen Höhlen vorfinden. Die Höhlen- bildung wie auch die anderen Karsterscheinungen tre ten um so schöner
1 Ergänzungsheft Nr. 102 zu »Petermanns Mitteilungen«. Gotha 1892.
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