Gezeitenströmungen.
Die Wirkung der Strömung auf die Ausgestaltung der Küste wird unterstützt durch den Ebbe- und Flutwechsel, der, bei einer Fluthöhe von mehr als 2 (bis gegen 6) m, eine kräftige Gezeitenströmung erzeugt und die Brandungswelle über eine breite Fläche arbeiten läßt. Auf der ganzen langen Küstenstrecke Ostafrikas, etwa von Mokdischu im Norden bis Algoa-Bai im Süden, tritt bemerkenswerter Weise, soweit nicht besondere lokale Verhältnisse eine Abweichung bedingen, das Hochwasser innerhalb einer halben Stunde an alten Orten gleichzeitig auf. Erst gegen die Spitze der Somali-Halbinsel findet eine geringe Verspätung statt. 1
Die früheste Hafenzeit hat mit 3 h 45 m an unserer Küste die Mtwara- Bucht, östlich von Mikindani, die späteste die Kiswere-Bai mit4 h 25 m oder, reduziert auf den Meridian von Mtwara, 4 h 27 m , d. i. eine Verspätung von 42 Minuten, die wohl durch lokale Verhältnisse in der Bucht von Kiswere bedingt ist. Im allgemeinen tritt an unserem Küstenstrich von Süden nach Norden eine geringe Verspätung der Hafenzeit ein.
Die Springflut steigt an der ostafrikanischen Küste durchschnittlich um 5,5 bis 4, die Nippflut dagegen nur um 2,5 m über mittleres Springniedrig- wasser an. 2 Jedoch beträgt sehr häufig der Flutwechsel bei Springflut mehr als 4 m : 4,2 m im Hafen von Daressalam, 4,5 m bei Kilwa-Kiwindje, in der Chole-Bai, im Mafia-Kanal, im Sansibar-Kanal, in der Nähe der Wami-Untiefen, wie in der Pangani-Bucht; am höchsten ist sie mit 4,6 m im Kanal zwischen Tumbatu und Sansibar (Hafen von Kokotoni). Der Flutwechsel bringt bei der großen Ausdehnung der bei Niedrigwasser trocken fallenden Korallenbänke einen großen Unterschied im Aussehen der Riffe und Küsten hervor.
Die Gezeiten üben in der Nähe des Landes einen großen Einfluß auf den Küstenstrom aus. Die Flut setzt an der Festlandsküste nach Norden, die Ebbe nach Süden. Der Küstenstrom wird daher durch die Flut verstärkt, durch die Ebbe aber abgeschwächt oder aufgehoben; ja bei schwachem Strom und kräftiger Ebbe (Springflut) kann die Ebbe den Küstenstrom überwinden und dicht unter Land südliche Strömung verursachen. Besonders verwickelt erscheinen die Verhältnisse in den seichten Kanälen zwischen dem Festland und den Inseln Mafia und Sansibar. Hier dringt die Flut von Süden wie von Norden in die Kanäle ein; es setzt daher in den südlichen Hälften derselben die Flut nach Norden, die Ebbe nach Süden, in den nördlichen umgekehrt die Flut nach Süden, die Ebbe nach
1 Segelhandbuch f. d. Ind. Ozean, S. 355.
2 Segelhandbuch für die Küste von Deutsch-Ostafrika und die Insel Sansibar — Berlin 1895.
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