VI. Die Insel Sansibar.
Allgemeines.
V on den drei großen, der deutschostafrikanischen Küste vorgelagerten Inseln ist Sansibar zweifellos die bei weitem bekannteste und in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht heute noch wichtigste. Sansibar in seiner Bedeutung als Welthafen und Handelszentrum für ausgedehnte Gebiete des mittleren Afrikas, als Hauptstadt eines Reiches, das sich vom Kap Guardafui bis Mozambique erstreckte, als Ausgangspunkt nicht nur dergroßen Handelskarawanen, sondern auch einer ganzen Reihe der wichtigsten Forschungsexpeditionen nach Zentralafrika voll zu würdigen, würde über den Rahmen des vorliegenden Buches weit hinausgehen. Hier soll nur das Wichtigste aus der Geschichte Sansibars und über die wirtschaftliche Rolle der heutigen Stadt gesagt und eine kurze Beschreibung der Insel gegeben werden.
Der Name Sansibar wird von dem mittelalterlichen Zendj-bar (=Land der Schwarzen) abgeleitet, womit die arabischen Schriftsteller das ganze tropische Ostafrika bezeichneten. Da es sich in den alten Berichten immer im Wesentlichen um die Küstenländer handelte, so fällt die Bezeichnung Zendj-bar (Zengibar) etwa mit dem später als Sansibar-Küste bezeichneten Landstreifen zusammen. Allmählich wurde der Name auf die der Küste vorgelagerte Insel bezw. auf ihre bedeutendste Zentrale übertragen. Die schwarzen Eingeborenen selbst gebrauchen den Namen Sansibar nicht, sie nennen vielmehr Stadt wie Insel stets Unguja, ein Name, der vom Kiswahiliwort Ungu-jaa abzuleiten ist und soviel wie einen vollen, d. h. in diesem Falle bevölkerten Raum (also eine »Großstadt») bedeutet. Zum Unterschied von der Insel Unguja shamba (Unguja, Land), wird die Stadt als Mji ya unguja (Stadt von Unguja) oder Mjini Unguja (Unguja, Stadt) bezeichnet. Schon im I3ten Jahrhundert berichtet der arabische Kaufmann und Geograph Jacuti von einer Insel Lend juya, und El Bakui' nennt in seinem 1403 erschienenen Werke Bandgui'a, eine große und fruchtbare Insel im Meere der Sendsch. Vielfach hat man Sansibar mit der von Ptolemaeus erwähnten Insel Menuthesias (Menuthias) identifizieren wollen; der ca. 100 Jahre n. Chr. erschienene Periplus des Roten Meeres berichtet von diesem Eiland, daß die Eingeborenen desselben in Einbäumen und genähten Booten Schildkröten fangen, und daß außer Krokodilen keine Raubtiere auf ihm Vorkommen. Es scheint jedoch nicht wahrscheinlich, daß Sansibar das alte Menuthesias darstellt.
Nach der Begründung des Reiches Kilwa durch die Schirazi (975 n. Chr.) fiel u. a. auch Sansibar bald an dieses. Im I5ten Jahrhundert scheint sich die Insel jedocJi schon eine gewisse Unabhängigkeit errungen
8 Werth, Deutsch-Chtafrika Band II.
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