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d) Die Rindenstoff- und Farbstoffherstellung. Farben und Ornamentik.
Eine Hauptbeschäftigung - der Frauen bildet die Herstellung des Rindenstoffes, des siapo, zuweilen auch tapa genannt, was sich aber mehr auf die breiten weissen Borten der roten Stücke (Bild 125) und die unbemalten Stoffe bezieht (siehe unten die Angaben Mar in er’s II. p. 341 betreffs Tonga; im übrigen heisst tapa im Polynesischen fast allenthalben „Rand“). Das Material liefert die Rinde des Papiermaulbeerbaums, der weit ausgebreiteten Broussonetia papyrifera Vent., auf Samoa u'a genannt, welchen man zu diesem Zwecke in der Nähe der Häuser anpflanzt, um ihn bis zu 2—3 m Höhe aufwachsen zu lassen, v. Btilow 1 op. 17a p. 98 giebt an, dass man die Wurzelschösse (mauuu) pflanzt und nicht Stecklinge, die höchstens während der Regenzeit Wurzel treiben.
„Jede Pflanze wird in Abständen von 2 Fuss nach jeder Richtung mittels Pflanzstock (oso) ausgesetzt, nachdem das Land vorher von Unkraut gereinigt war. Nach dreimaligem Jäten überlassen die Eingeborenen die Pflanzen sich selbst, die dann sehr schnell und ganz gerade und astlos in die Höhe schiessen.
Wenn sie die Höhe von 8—12 Fuss erreicht haben, was nach 10—12 Monaten der Fall ist, werden sie dicht über dem Wurzelstock abgeschnitten und in der Nähe des Wohnhauses aufgestellt. “
Diese Beschreibung passt so genau auf die Pflanzungen und auf die Bäumchen, die ich in der Nähe der Wohnungen gesehen habe, dass es sich nur um die eine Pflanze handeln kann. v. Bülow giebt nämlich nach dem Vorgang von Reinecke 2 an, dass diese Pflanze der Pipturus incanus Wedd. sei, derselbe Pipturus (fausogä), von dem eben bei den weissen Zottenmatten die Rede war, trotzdem dass alle früheren Autoren die Broussondia genannt hatten. Ich hielt während meines letzten Aufenthaltes die letzteren Angaben für so unumstösslich sicher, dass icli es unterliess, Material zur Bestimmung mitzunehmen, zumal da mir hierfür kein Grund vorhanden schien. Nach meiner Rückkehr ersah ich erst aus den Arbeiten Reinecke’s, dass dem nicht so sein sollte. Ich erinnerte mich nun aber bestimmt der endständigen Blätterbüschel, welche die fingerdicken Stämmchen krönten und der gelappten, weinähnlichen grossen Blätter, so dass mir Zweifel an der Richtigkeit der neuen Entdeckung aufstiegen. Ich schrieb deshalb nach Apia und erhielt durch die Güte des Herrn Dr. Funk die Blätter übersandt, die ich alsbald als die richtigen wieder erkannte und die Herr Prof. Dr. Schumann in Berlin für Broussondia- Blätter sonder Zweifel erklärte. Demnach glaube ich, dass bei Rein ecke nur eine Verwechslung mit untergelaufen ist, wie sie ja bei grossen Sammlungen leicht Vorkommen kann. Sagt er doch nirgends, dass die Broussondia nicht den Bast liefere. Deshalb müssen die alten Angaben zu Recht bestehen.
Also nicht der Pipturus, sondern die Broussonetia liefert den Rindenbast für den siapo 3 .
AVas aber die Angaben Reinecke’s und v. Bülow’s betreffs der Neueinführung und Kultur betrifft, so liegt dem ein wahrer Kern zu Grunde. AVie schon oben p. 293 bei den Matten angegeben, erzählt Turner, dass die Fitianer den Papiermaulbeerbaum nach Samoa gebracht und den Samoanern die Anfertigung des Rindenstoffes gelehrt hätten und auch bei Erskine p. 109 fand icli eine Bemerkung, nach der die siapo-Bereitung erst spät auf Samoa eingeführt sei. Dies wurde mir nicht einmal, sondern des öfteren von meinen Gewährsleuten erzählt, die sagten, dass man ehedem in Ermanglung von Rindenstoffen auf der Zottenmatte geschlafen habe und dass man zum Schutz gegen die Moskito sich besondere Zellen in den Häusern baute, fa'ata'aulama genannt 4 , da man ein Gerüst dicht mit vielen (fa'ata'au) trockenen Kokoswedeln (lama) umstellte und bedeckte, unter Zuhilfenahme von Matten u. s. w. Als man aber siapo kennen gelernt habe, habe man sicli daraus die
1 Die tapa-Bereitung. .T. A. E. Bd. XII p. 66. 1899. (op. 17 a.)
2 Beinecke op. 8 p. 612 führt Broussondia papyrifera Ne nt. auf, aber ohne weiteren Kommentar, als „Durch Kultur eingeführt(?)“ und p. 626 sagt er bei Pipturus: „Die Rinde liefert festen Bast, der auch zur Anfertigung zu Stoffen und Decken, sowie als Netzmaterial verwendet wird;“ und in seinem op. 1 giebt er der letzteren Ansicht betreffs der Herstellung des Rindenstoffs aus Pipturus noch näheren Ausdruck. In seinem letzten Buche „Samoa“ p. 14ö sagt er endlich: „Das Material dazu liefern je nach der Qualität mehrere Bäume der Nesselgewächse: Böhmeria, Pipturus etc. Die Rinde dieser, dem Papiermaulbeerbaum verwandten Gehölze, wird abgescliält“ u. s. w.
3 Auch die Angaben Stair’s p. 143, dass die Rinde des Brotfruchtbaums und des mati und Ficus (Ellis I. p. 179 aoa statt mati) zwar auf Tahiti, aber nicht auf Samoa zur Herstellung von Rindenstoff benützt werde, bestehen meines Wissens heute noch zu Recht.
4 Vergl. Bd. I p. 254 Anm. 2,