Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Ethnographie
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Es ist schwierig heute noch die richtigen alten Masse zu erfahren, nachdem sich die Sainoand durch die englischen Missionare an den Faden (gaf'a), den Fuss (tutu) und Zoll (inisi) gewöhnt haben

b) Holzarbeiten und Schnitzereien.

Die Kunst der Holzschnitzerei war bei den Samoanern keineswegs so ausgebildet, wie bei den übrigen Polynesiern, wie z. B. den Maori, Rarotonganern und Hawaiiern, zu geschweigen von den Melanesiern. Ja man könnte sagen, dass die Samoaner hierin so ziemlich die tiefste Stelle einnehmen, wenn nicht gewisse Erzeugnisse beweisen würden, dass ihnen keineswegs die Fähigkeit abgeht, und dass nur andere Momente einer weiteren Ausbildung hemmend im Wege gestanden haben müssen: Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich als einen der Gründe hierfür den fein ausgebildeten Geschmack in Anspruch nehme, der vor dem Grotesken, das doch der Kunst der übrigen gewissermassen den Stempel aufdrückt, zurückschreckte. So kommt es, dass die Nachbildung menschlicher Figuren und von Tieren auf Samoa nicht heimisch ist. Die beigegebene Abbildung (Bild 72) eines Holzidols, welches sich im Britischen Museum zu London befindet, und welches, wie ersichtlich, den Samoanern zugeschrieben wird, ist nur als Ausnahme anzusehen. Überdies ist ja seine Herkunft nach mündlicher Aussage des Herrn Reid, dem ich die Abbildung verdanke, keineswegs sicher.

Nach Vergleich mit den Bildwerken der übrigen Polynesier und nach der Art der Auffassung, der Haltung von Armen und Händen u. s. w., bin ich aber doch geneigt, die unter dem Schnitz­werk befindliche Unterschrift für richtig zu erachten, und darin bestärkt mich eine Angabe bei Haie p. 26, wo eine Äusserung des Missionars Heatli von Samoa angegeben ist, welche lautet:

Some family had roughly carved wooden idols as representatives of deceased chiefs, to wliom they paid religious homage. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die englischen Missionare um jene Zeit die Idole gesammelt und nach England gesandt haben, was mit der Zahl 1841 gut übereinstimmte.

Wie ersichtlich hat die Figur die üblichen Proportions­fehler, vor allen Dingen zu kurze Beine. Zwei menschliche Figuren 1 befinden sich auch auf dem schon erwähnten Tatauierinstrumenten- becher (Bild 26 p. 75), wo betreffs der Beinproportion günstigere Verhältnisse vorwalten, und auf einer Tongakeule in London sah ich eine Figur, die dem Holzidol recht ähnlich ist. Aber bei dem Becher ist tonganisclier Einfluss unverkennbar, und wenn er auch auf Samoa geschnitzt ist, so ist er darum doch nicht alssamoanisch zu erachten. Da dieser tunuma im übrigen auch in London an selber Stelle sich befindet, so ist die Möglichkeit vorhanden, dass beide Stücke aus Tonga stammen, oder von dort nach Samoa ein­geschleppt sind. Denn es ist ja z. B. bekannt, dass um 1830, zur Zeit der Ankunft der ersten Missionare auf Samoa, eine grosse

Tonganerflotte sich an der Südseite von Upolu in Siumu und Falealili befand, zu geschweigen von den früheren Beziehungen. (Vergl. p. 5.)

Zu den besten Erzeugnissen der samoanischen Holzschneidekunst gehören zweifellos die Kawa­schüsseln, die tanoa'ava, welche nirgends im Pacific in gleicher Vollendung hergestellt werden 2 (siehe die Bilder 31 p. 88, 42 p. 128 und in Bd. I p. 19).

1 Von Tiernachbildungen sind mir nur zwei Fälle bekannt, der erstere bezieht sich auf Lefagü, wo an einem Hans- pfosten eine Eidechse oder eine Schlange abgebildet sein soll, der zweite betrifft einen Vogel, den fuaö, welchen ich als Gallionsfigur auf einem Boote von Falefä fand. Nachbildung sehr roh und mit Ölfarbe bemalt. Jetzt in Stuttgart.

2 Vergl. Bässler, Kawabowlen von Samoa und Tonga. Verh. der Bert Ges. f. Antlir. 1893. p. 611.

IDOL.

SAMOA. *

PRES? by H.M.the QUEEN 1841 .

Bild 72. Holzidol. Grösse ca. 80 cm. Im Britischen Museum zu London.