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Innerlich wurde ursprünglich nur wenig gegeben aus obengenannten Gründen. Nur bei Vergiftung, z. B. mit giftigem Fisch, gab man nach Turner p. 139 Brechmittel, scharfe Kräuter oder Schlamm und Schmutz oder auch liess man so viel Seewasser trinken bis Erbrechen erfolgte.
Später indessen lernten die Samoaner durch den Verkehr mit Fidji, Tonga, Hawaii u. s. w. zahlreiche Arzneien kennen, die sie mählich mehr und mehr in Anwendung zogen, während ursprünglich in Samoa innerlich Arzneien aus angegebenen Gründen angeblich kaum verabreicht wurden.
Eine grössere Anzahl Rezepte bringt das folgende Kapitel.
Betreffs des Schutzes gegen Krankheiten hatten die Samoaner häutig die Gepflogenheit, widerliche oder wegen Ansteckung gefürchtete Kranke abzusondern, und zwar in einer besonderen Hütte 1 (fale- 'esea Pratt), wie ich es auf den Gilbertinseln häufig zu sehen Gelegenheit hatte. Dies dürfte auch einer der Gründe sein, warum z. B. die Lepra sich so wenig unter den Eingeborenen ausgebreitet hat, wie im Anhang näher ausgeführt.
c) Arzneien der Samoaner.
Obwohl es mir sehr schwer fiel, von samoanischen Heilkünstlern gute Antworten betreffs ihrer Heilkunst zu bekommen, indem sie in dem europäischen Arzte nicht ganz ohne Unrecht einen schlimmen Konkurrenten erblicken, oder im Gefühl ihrer Schwäche am liebsten schweigen, so habe ich es doch vermocht, auf indirektem Wege einen Teil ihrer Rezepte niedergeschrieben zu bekommen, die ich im folgenden wiedergebe. Ich habe die ersten Spuren der samoanischen Heilkunst schon im Jahre 1893 verspürt, als kurz nach meiner damaligen ersten Ankunft eine schwere Masernepidemie auf Samoa ausgebrochen war, die glücklicherweise nicht so schlimm für die Samoaner verlief wie 20 Jahre früher eine solche für die Fidji-Insulaner, von denen an 30 000 durch jene Krankheit gestorben waren. Abgesehen von einigen jungen Männern, die in ihrem hohen Fieber in die Lagune rannten, um dort sich zu baden und welche dadurch zu Grunde gingen, verliefen auf Samoa fast alle Fälle günstig. Die Folge der Unglücksfälle aber war, dass Luft und Wasser von den armen Kranken auf das äusserste abgeschlossen wurde, welche, völlig in einen Haufen von Tüchern und Matten eingewickelt, oft kaum in den Häusern herauszufinden waren. Ich sah damals aber auch mehrfach kleine Kinder, als die Tücher geöffnet wurden, wie in Schweiss gebadet liegen, und erfuhr, dass ein innerliches Mittel diesen starken Schweissausbruch hervorrufe. Damals konnte ich nicht erfahren, was es war, glaube aber jetzt es als Vitex trifolia L. (Rez. No. 8) erkannt zu haben. Sonst sah ich nichts von innerlichen Mitteln, was mir irgendwie imponiert hätte.
Was die Arzneien selbst betrifft, so unterscheidet man nach Pratt die der Eingeborenen als vaiao von dem vaila'au (Pflanzenwasser) der Weissen. Die Zubereitung, die Dosierung, das Einbetten in Vehikel (mola'i Pratt), die Nahrung der Kranken 2 (sua), geht aus den Rezepten hervor. Diät wird heute noch als etwas sehr Wichtiges betrachtet, aber wenig eingehalten.
Die Samoaner gaben mir an, dass sie die Arzneien meist von den Tonganern erfahren hätten, und diese hinwiederum haben das meiste, nach Mariner’s Angaben II. 294, von den Fidjianern gelernt, welche zweifellos in dieser Hinsicht am vorgeschrittensten waren.
Arzneien der Samoaner. (Siehe die Pflanzennamen in Abschnitt IX.)
1. '0 le vai a tamaiti o le vela.
'0 le utouto 3 , la'aufua pa'epa'e ma le tavati'o e valu le 'ogalaa'u; e inu ai e tasi le inumaga 4 .
2. Vai ma'alili.
To'ito'i, tausunu; inu.
Arznei für Kinderfieber.
Kokosschwamm, Früchte der Fragraea und die abgekratzte Rinde von Clerodendron; eine Dose trinken.
Wasser bei Schüttelfrost.
Scaevola, Tournefortia (Blätter) 5 ; trinken.
1 Vergl. Bd. I p. 266.
2 ipiipi die essbare Schale der jungen Kokosnuss wurde häufig von Kranken gegessen (Pratt).
3 AVenn die Kokosnuss nahe dem Keimen ist, wird die Stelle des Fruchtwassers durch eine weisse, schwammige, süsse Masse eingenommen, welche in Manu'a, woher die Mehrzahl dieser Rezepte stammt, utouto, auf Upolu o'o genannt wird.
4 inumaga eigentlich „ein Mundvoll“.
5 Gemeint ist, dass die Blätter genannter Pflanzen zerstossen oder gekaut, alsdann mit Wasser angeriihrt werden. Die Mischung wird dann durch Kokosfasern, Kokosblattscheiden u. s. w. filtriert.