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Natürlicherweise bezieht sicli dies nicht auf die Kursivschrift, sondern nur auf die grossen Buchstaben, die Kapital- oder Quadratschrift 1 . Da nun die Samoaner ihre Sprache dank den Missionaren ausgezeichnet rechtsläufig lateinisch schreiben gelernt haben, was sie natürlicherweise auch mit der rechten Hand tliun, so wird also bei ihnen wahrscheinlich dieselbe Ursache vorliegen, die die semitischen Völker veranlasst hat, mit der linken Hand die Lettern festzulegen. Da nämlich wie die Alten ihre ersten Inschriften mit dem Meissei in der Linken, den Hammer in der Rechten in den Stein eingruben, so haben die Samoaner beim Tatauieren das Instrument in der Linken und den Schlegel in der Rechten. Wenn wir ein Wort schreiben, so fangen wir links auf der Linie an und gehen nach rechts aufsteigend weiter. Dasselbe Bestreben ist natürlich bei der linksläufigen Schrift vorhanden. Unter Berücksichtigung dieser Grundsätze ist es völlig natürlich, dass man rechtsläufig F und linksläufig r I, rechtsläufig N und linksläufig |/| setzt, und das Merkwürdigste ist, dass das N wie im Altsemitischen auch so von den Samoanern gezeichnet wurde, wie das Bild 30 zeigt. Audi das linksläufige 1 für J ist viel natürlicher und sinngemässer, als das rechtsläufige L. Beim Schreiben unserer Kursivschrift mit der Feder fällt das linksläufige Schreiben gar nicht so schwer, wenn man nur schülerhaft langsam arbeitet und die Drucke immer beim Zusichherziehen der Feder macht. Dies ist eine rein natürliche Sache. Und trotzdem scheint es mir sehr interessant, dass ein noch vor wenig Jahrzehnten schriftloses Volk beim Annehmen der Schrift im Aufzeichnen von Namen ein Gesetz rückläufig durchmacht, welches die alten Griechen in logischer Reihenfolge begründeten. Hierbei bedarf die eigentümliche Erscheinung noch der Erwähnung, dass die Samoaner Bilder und Photographien mit Vorliebe von der Seite oder sogar ganz umgekehrt anzuscliauen pflegen.
Vielleicht dienen diese geringen Beobachtungen dazu, in die Ursachen des Wechsels der Schrift etwas mehr Licht zu bringen, von denen Kirchhoff 2 nichts mehr zu sagen weiss, als das Folgende: „Die sonstigen Veränderungen, welche im Laufe der Zeit innerhalb des Bereiches der 23 Buchstaben des Uralphabets vorgegangen sind, betreffen lediglich die Form der Zeichen und sind fast ohne Ausnahme von keiner wesentlichen Bedeutung. Infolge der allmählich sich vollziehenden und gegen den Anfang des 5. Jahrhunderts überall durchdringenden Wendung der Schrift aus der ursprünglich linksläufigen in die rechtsläufige Richtung ändert sich zunächst nur die Stellung der Buchstaben; aber bei länger andauerndem und sich allgemein verbreitendem Gebrauche der Schrift nimmt der anfangs schwankende und unbestimmte Charakter der einzelnen Zeichen eine regelmässige und fest ausgeprägte Gestalt an.“
Wenn man aber endlich erwägt, dass die Samoaner durch Eintatauieren der Namen wieder auf die linksläufige Schrift verfallen sind, so berührt es eigentümlich, dass Heinrich Wuttke 3 in seinen Untersuchungen über die Entstehung der Schrift zu dem Ergebnis gelangte, dass die Tatauie- rung die rohen Anfänge einer bildlichen Schrift darstelle.
e) Tägliches und öffentliches Leben.
Beschäftigung, Gewerbe, Verkehr, Bodenwirtschaft, Rechtspflege.
Mit der Tatauierung treten die Knaben und die Mädchen in die Gesellschaft ein, und wenn im vorigen Kapitel auch betont wurde, dass diese Verzierung in erster Linie als Schmuck dient, so
1 Wattenbach, Griechische Palaeographie. Leipzig 1868.
2 A. Kirchhoff, Studium zur Geschichte des griechischen Alphabets. Berlin 1877.
3 Die Entstehung der Schrift, die verschiedenen Schriftsysteme und das Schrifttum der nicht alphabetisch schreibenden Völker. Leipzig 1872. p. 181.