Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1903) Ethnographie
Entstehung
Seite
30
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Abschnitt II.

Anthropologie und Soeiologie.

Es wird manchen Lesern nicht unangenehm sein, wenn ich den nachfolgenden Kapiteln speciellen ethnographischen Inhalts eine allgemeine anthropologische Betrachtung des samoanisclien Volkes voraus­schicke, obwohl ich eingehendere Studien in dieser Hinsicht, wie z. B. Körpermessungen, aus mehr­fachen Gründen nicht gemacht habe. Ich habe mich darauf beschränkt, mit den Augen des Arztes zu sehen und zu photographieren, und wenn ich deshalb auf kurze Zeit in das anthropologische Gebiet eintrete, so thue ich es nur, um den mit der Materie nicht Vertrauten einige Andeutungen über die Körperbeschaffenheit der Samoaner und über ihre Stellung unter den Völkern der Erde zum besseren Verständnis des Ganzen an die Hand zu geben. Aus praktischen Gesichtspunkten werde ich dann Beschneidung, Tatauierung und ähnliche Sitten und Gebräuche, soweit sie nicht schon im ersten Band (Hochzeit, Kawa u. s. w.) beschrieben sind, in diesem Abschnitt abhandeln.

a) Abstammung der Samoaner und allgemein anthropologische Ver­hältnisse im Pacific.

Von den drei Hauptvölkerkreisen im tropisch pacifischen Inselgebiet, den Melanesiern, Mikro­nesiern und Polynesiern, sind es die letzteren, zu denen die Samoaner gerechnet werden. Fernerhin gehören noch zu diesem Kreise, wie längst bekannt, die Tonganer, Rarotonganer, die Eingeborenen von Tahiti, Marquesas und Paumotu, ferner die nördlich des Äquator angesiedelten Hawaiier und die schon jenseits des südlichen Wendekreises befindlichen Maori auf Neu-Seeland. Natürlicherweise sind die vielen kleinen zwischen den polynesischen Hauptarchipelen eingesprengten kleineren Inseln und Inselgruppen gleichfalls von denselben Stämmen besiedelt, und selbst bis nach Melanesien reichen die Polynesier hinein, wie neuerdings Thilenius op. 3 ausführlicher dargetlian hat.

Über die Herkunft dieser Polynesier sprach schon Förster, wohl als erster, in wissenschaft­licher Weise die Ansicht aus, dass sie von Asien, von den indischen Inseln her gekommen sein müssten, und ähnlich äusserte sich im Anschluss hieran La Perouse, von dessen Reise im ersten Abschnitt ausführlich die Rede war. Durch Marsdens umfassende Arbeiten über die malayische Sprache, durch W. v. Humboldt, von der Gabelentz und endlich durch Friedrich Müller wurden aber erst diese Beziehungen näher begründet und einwandfrei festgelegt.

Wie die indogermanische oder arische 1 Frage Hypothesen und Spekulationen Thür und Thor geöffnet hat, so hat die malayo-polynesische Frage, trotz ihres verhältnismässig geringen Alters, auch schon recht üppige Blüten getrieben, wie ich bei dem Worte Savai'i Hawaiki in Bd. I p. 44

1 Man erinnere sich, dass Arier, im Sanskrit aryaerhaben, frei, mit Herren, Häuptlingen zu übersetzen ist, wonachHerrensprache, und dass das neuseeländische ariki, im Samoanisclien alii, die gleiche Bedeutung hat. Dies erklärt sich leicht aus der Thatsache, dass das Malayische in alter Zeit zahlreiche Sanskritworte übernommen hat, deren Vorkommen im Polynesischen z. B. Ellis leugnet, der im übrigen sehr mit Amerika liebäugelt. Man erinnere sich aber des ägyptischen Sonnengottes Bah und der neuseeländischen Sonne, des babylonischen sin der Mond, der im Samoanischen masina heisst, von sina hell, im Sanskrit dina. So mag es nicht verwundern, dass Macdonald längst energisch für die Abstammung der oceanischen Sprachen aus Mesopotamien kämpft (The oceanic languages shemitic, Trans. B. S. Victoria, Bd. 19, 23, 24) und Etienne für die semitische (Les affinites linguistiques des langues semitiques et polynesiennes, Paris, Maisonneuve, 1886), wie schon Turner op. 1 p. 310 in seinen Illustrations of scripturc die zahlreichen mit den Juden ähnlichen Sitten der Samoaner hervorhob.