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von der beträchtlichen Verschiedenheit der Höhen — die höchsten Spitzen Bainings gehen wohl kaum über 1500 na — ist der geologische Aufbau sowie die äußere Erscheinung wesentlich verschieden.
Die furchtbare Ode des nackten Gesteins, die wetterharten Felsenzinken, die starr ins Unendliche ragen, die ausgedehnten Steinfelder, die, jeder Pflanzendecke bar, in ewiger Todesrnhe daliegen, die weder Strauch noch Grashalm belebt und die nur von spärlichen Flechten überzogen werden, kurz das Furchtbare, das Trotzige und Erschütternde fehlt dem Baininger Gebirge. Hier entwickelt sich auch auf den steilen Abhängen und schmalsten Gipfeln der üppigste Pflanzenwuchs. Nur selten erspäht man einen nackten Felsen. Bäume, Strauchwerk, Lianen und Moose lassen kein Fleckchen Erde, keinen Felsblock unbedeckt, sie spenden freigebig strotzendes Leben allenthalben.
Eine Gebirgslandschaft in den Tropen ist voll Anmut, voll Zauber und ewiger Jugendsrische. Ihr Anblick hat viel Liebliches, Freudiges und Sonniges, aber auch dabei wieder etwas Eintöniges und fast Schwermütiges. Wer die Tropen nur aus poetischen Schilderungen kennt und sie sich wie ein Paradies vorstellt, in dem der Mensch nur zuzugreifen braucht, um in den Besitz aller Schätze zu gelangen, ist natürlich auch der Meinung, die Berge und Flüsse müßten Gold enthalten.
Der Mangel an Edelmetallen ist übrigens kein besonderes Unglück für die Kolonie. Die Auffindung von Gold würde, wie anderwärts, eine Menge Abenteurer herbeilocken, die nach Bereicherung ihrer Börse, ohne der sittlichen Verheerungen zu gedenken, das Land so unkultiviert zurückließen, wie sie es bei ihrem Einzug vorgefunden hatten. Die Kolonie braucht ruhigere Männer, die mit Geduld und Kraft die Axt führen und den fruchtbaren, jungfräulichen Boden der Sonne und dem Samen öffnen. Diese Umwandlung ist zwar mühevoll und geht nur langsam vor sich, doch es kommt auch die Zeit, wo der Kolonist sich der segensreichen Fülle der Fluren erfreuen und mit Stauffacher im Tell sagen kann: „Wir haben diesen Boden uns erschaffen." Die durch bitteren Schweiß und mit großer Geduld veredelten Striche werden für das Land ein wertvollerer Schatz sein als das flimmernde Gold.
P. Röscher.
13. Der Urwcilö in Laining.
Auf ein Hektar kann man zuweilen bis zu hundert Arten von Bäumen und Gewächsen zählen. Wieviele Arten es überhaupt gibt, ist auch noch nicht annähernd zu bestimmen. Ich habe mich der Mühe unterzogen, ihre Namen aufzuzeichnen. Obgleich ich schon die Zahl von 500 beinahe erreicht habe, begegnen mir noch neue Arten. Die meisten Bäume sind vom Fuß bis zur Krone von Lianen und Schmarotzern bedeckt, welche teils gerade, teils spiralförmig am Stamm emporklettern, und ihre Ranken wie ein Netz von Telegraphendrähten von einem Baum zum andern ausspannen und in feinen, dünnen Strängen vom Wipfel herab bis auf den Boden hängen. Die wirr durcheinander rankenden Gewächse bilden mit ihrer Fülle von Blättern in den Zweigen und Asten der Bäume ein natürliches Dach, das nur einzelne Sonnenstrahlen in das geheimnisvolle Dunkel des Waldes eindringen läßt.