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Bilder aus den deutschen Kolonien : Lesestücke / gesammelt u. bearb. i.A. der Deutschen Kolonialgesellschaft
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sie heulend aus ihrem Verstecke hervor und überrumpeln die ahnungslosen Opfer. Diese sind noch schlaftrunken und geraten in die größte Verwirrung. Noch ehe sie zu den Waffen greifen und sich zur Wehr setzen können, liegen sie zu Tode getroffen am Boden.

Zuweilen wenden die Kanakeu folgende List an. Sie heucheln Freund­schaft mit dem Stamme, den sie zu überfallen beschlossen haben, machen Ge­schenke, feiern Verbrüderungsfeste und laden alle zum Tanze ein. Ist es ihnen gelungen, den Feind von ihren guten Absichten zu überzeugen und seinen Argwohn einzuschläfern, so bestimmen sie den Tag des Überfalles. Sie veranstalten wieder ein großes Fest und laden den ganzen Stamm dazu ein, verbergen aber in der Nähe des Tanzplatzes ihre Waffen. Während die betörten Gäste sich der Freude hingeben, greifen die Festgeber auf ein gegebenes Zeichen ihres Häuptlings zu den verborgenen Waffen und metzeln alle nieder, die nicht schleunigst in das nahe Dickicht fliehen. Die Angreifer richten dabei ein furchtbares Blutbad an; da ein jeder sich schon im voraus sein Opfer ausgesucht hat, haben sie in wenigen Minuten ihr Werk vollbracht.

Nach dem blutigen Kampfe feiern die Sieger ein großes Fest, bei dem sie die Leiber der Erschlagenen als Festbraten verzehren. Lange können sie sich aber der Frende nicht hingeben; denn sie müssen sich nun ihrerseits auf einen heimtückischen Angriff gefaßt machen, weil die Blutrache verlangt, die gefallenen Verwandten mit Mord und Totschlag zu rächen.

Aus Kleintitschen: Die Küstenbewohner der Gazellehalbinsel.

11. MulckClgLlcl mackl selig.

Der Kanake der Gazelle-Halbinsel auf Neu-Pommern stirbt ruhig und ohne Todeskampf. Stumpfsinnig, wie er gelebt, verläßt er diese Welt. Er macht sich nicht viel Sorgen um sein jenseitiges Schicksal, das er im voraus gesichert weiß. Die Seele, die er mit dem Namen Schatten bezeichnet, lebt nach dem Tode fort. Sobald sie den Körper verlassen hat, reist sie zur Insel der Seligen. Auf ihren Bootreisen fahren die Eingeborenen mit leisem Ruderschlage und lautloser Stille an den Inseln vorbei, in die sie das Paradies verlegen, und verbergen sich in den Kähnen aus Furcht, die Aufmerksamkeit der Seligen auf sich zu lenken; denn auch von ihnen erwarten sie nicht viel Gutes. Mit vollem Ernste erzählen einige, wie sie nachts an der Insel vorbeifuhren und das Treiben der Seligen hörten.

Am Eingänge der Insel, so glauben sie, trägt ein strenger Wächter Sorge dafür, daß kein Unberufener eintrete. Er stellt an die Seele drei Fragen:Wer bist Du? Woher kommst Du? Wieviel Muschelgeld hinter- ließest Du?" Die Beantwortung der letzten Frage entscheidet über das Schicksal des Verstorbenen. Hat er bei seinem Tode viel Muschelgeld hinter­lassen, so darf er in die Seligkeit eingehen, wo er die Tage im Kreise der Seinen mit leichter Beschäftigung, Rauchen, Essen und im Genusse sinnlicher Freuden verbringt. Hatte der Tote aber nur wenig oder gar kein Geld im Besitze, so wird seine Seele des Landes verwiesen. Sie kehrt in ihre Heimat zurück, lebt wie die wilden Tiere im Walde und ernährt sich von Blättern