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8. Die Eingeborenen 6er Scirelle-^albinlel.
Wenig gastfreundlich und liebenswürdig sind die Eingeborenen der Gazellehalbinsel. Schon körperlich sind sie durchschnittlich eine wenig schöne Rasse. Die dünnen Beine und der Woltkopf, dessen Haare bei dem richtigen Buschkanaker gewöhnlich in kurzen Strähnen über die Stirn fallen und dem Kopf bisweilen das Aussehen eines Pudelkopfes geben, die aufgestülpte Nase, deren Flügel mit Oppussumzähnen und anderen Zieraten durchbohrt sind, das dünne Ziegenbärtchen sind für europäische Begriffe nichts weniger als anmutig. Das beständige Betelkauen und Spucken, das scheue Wesen, welches die meisten Eingeborenen, soweit sie nicht als Arbeiter oder sonst wie bei Europäern gelebt haben, an den Tag legen, trügt ebenfalls nicht dazu bei, die Leute angenehm erscheinen zu lassen. Dagegen sind die Kinder häufig recht niedlich, und unter den jungen Mädchen finden sich bisweilen ganz gut geformte Gestalten. Bei meinen Zügen in die Umgegend konnte ich nur selten ein Pferd benutzen. Meist kann mau auf den schmalen Kanakerpfaden, die sich bergauf, bergab in Windungen durch den Urwald oder das über mannshohe Gras dahinschlängeln, nur zu Fuß vorwärts kommen. Die Niederlassungen der Kanaker, gewöhnlich aus 2—5 von einem Zaun umschlossenen Hütten bestehend, liegen im Busch zerstreut. Beim Herannahen an ein Gehöft, oder wenn wir sonst unterwegs Eingeborenen begegnen, tönt uns ein etwa wie ein kurzes „ö" klingender Laut entgegen. Es ist dies der Gruß der Eingeborenen. Dann kommt uns der Häuptling entgegen, reicht uns Betel nebst Kalk, daneben bisweilen auch etwas Tabu Muschelgeld) und lädt uns zum Eintreten in seine Hütte ein. Der Aufenthalt in diesen meist kleinen und schmutzigen Hütten ist an sich nicht angenehm, der Anblick der ewig Betel kauenden Kanaker mit ihren von rotem Saft triefenden Mäulern, sowie der meist entsetzlich häßlichen älteren Weiber erhöht die Annehmlichkeiten eines solchen Besuches nicht gerade. Die Eingeborenen auf der Gazellehalbinsel gingen ursprünglich alle gänzlich nackt. In der Gegend der weißen Ansied- langen tragen sie jetzt Lendenschurze aus europäischen Stoffen, die Weiber manchmal auch ein leichtes Gewand oder Tuch um den Oberkörper.
Nach kurzer Rast in einem Eingeborenengehöste geht es weiter auf steilem Pfade bergauf, abwechselnd durch hohes Gras und durch Busch. Auf einer Anböhe landeinwärts der Blanchebucht angekommen, haben wir eine herrliche Rundsicht vor uns! Auf der einen Seite die erloschenen Vulkane „Mutter" und „Tochter", rechts davon im Hintergründe die zackigen, blau verschwimmenden Berge von Neumecklenburg, davor die niedrigen bewaldeten Inseln der Neulauenburggruppe und das tiefblaue Meer, auf der anderen Seite Wald und Grasland, daraus hervorragend der runde Kegel des Varzin, dahinter die geschlossene Masse des Baininger Gebirges. Ein prachtvoller Anblick, der uns die Mühen des Kletterns vergessen läßt.
Auf schmalem Pfade wandeln wir weiter. Von drei Seiten strömen auf Kanakerpfaden Scharen von hoch bepackten Weibern nach dem Marktplatze zusammen, der sich durch mehrere Kokos- und andre Bäume aus dem umgebenen Graslande abhebt. Eine Anzahl von Männern begleiten sie, alle unbewaffnet. Früher gingen sie bewaffnet zum Schutze der Weiber mit zum Markte; jetzt, da infolge der weißen Verwaltung friedliche Zustände herrschen, hat sich der Brauch des Mitgehens der Männer erhalten, die Waffen werden zu Hause gelassen. Während die Weiber auf dem Marktplatze, einem von
Aolonial-Lesebuch. 11