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Bilder aus den deutschen Kolonien : Lesestücke / gesammelt u. bearb. i.A. der Deutschen Kolonialgesellschaft
Entstehung
Seite
155
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4. Der Urucilö ciut Neu-Suinea.

Wir nähern uns nunmehr dem Urwald, dessen dunkle, kühlschattige Hallen uns armen, in der Gluthitze halb gebratenen Wanderern verlockend entgegenwinken. Wir fühlen sofort, daß wir hier in eine ganz andere Pflanzen­welt eingetreten sind. Das fröhlich-lustige Gewimmel all der Legionen von Blättern und Halmen und Ranken und Stricken, mit dem uns der Küsten- wald umschlang und festzuhalten suchte, ist hier verschwunden. Braun und kahl streben die Stämme aus dem braunen Boden heraus empor, und nur gering ist das Unterholz dazwischen; unser Fuß schreitet fast widerstandslos auf dem braunen, weichen Teppich vermoderten Laubes dahin. Dicke, feuchte Moderlnft herrscht hier in dem dämmerigen Halddunkel, denn ein dichtes, schweres Laubdach breitet sich hoch über uns aus, so hoch, daß unser Auge kaum Einzelheiten erkennen kann; ob die Bäume da oben blühen oder Früchte tragen, man sieht es nicht, sondern merkt es höchstens an den Herabgefallenen Spuren auf dem Boden. Ein Sonnenstrahl dringt nur selten hinein; nur wenn einer der Bäume altersschwach oder, von einem Schmarotzer erdrosselt, niedergebrochen ist und verwesend am Boden liegt, da huschen durch die entstandene Lücke ein Stückchen blauer Himmel und blendend grelle Sonnen­strahlen herein, und die Schmarotzerpflanzen, welche der gestürzte Baumriese in seiner Krone beherbergte, schmarotzen auf der Leiche am Boden ruhig und üppig weiter, bis auch ihr Stündlein schlügt und sie, nachdem sich die Lücke oben in der grünen Decke langsam wieder geschlossen hat, abgesperrt von Licht und Luft, elendiglich ersticken. Unter diesen Schmarotzern bemerken wir, wenn wir Glück haben, eine Menge prächtig blühender Orchideen; denn Neu-Guinea ist außerordentlich reich an diesen wunderbarsten aller Blumen. Jni östlichen Teil dieser Insel sind über 100 Arten bereits bekannt geworden, wovon etwa die Hälfte neu war, teilweise zu den prächtigst blühenden Fami­lien gehörig.

Im Weitermarschieren müssen wir öfters über die auf dem Boden sich bis zum nächsten größten Stamme dahinwindenden, saust- bis schenkeldicken Stämme mächtiger Lianen hinübersteigen, die blattlos und kahl, in unheimlich verzerrten Krümmungen wie große Riesenschlangen hinaufklettern in das Laubdach, um ebenfalls ihr Teil da oben an Licht und Luft zu erhäschen.

Licht und Luft, das ist die Losung im Urwald. Alles strebt empor. Alle Stämme, alle Keimlinge müssen trachten, so bald als möglich in die Höhe zu schießen, um ihre Krone hiudurchzudrängen zu dem goldenen Lebens­strom der Sonne. Was nicht kräftig oder rasch genug ist, das siecht im Halbdunkel bleichsüchtig dahin und geht im Blöder bald zugrunde. Finger- bis daumdicke Stämmchen sind schon 2025 Fuß hoch, elend, mager, kaum ein paar Blätter an der Krone zeigend: so ausschließlich wird alle Kraft auf das Längenwachstum verwandt. Sie stehen nur aufrecht, weil sie von ihren Nebenbrüdern gehalten werden. Hier lernt sichs begreifen, wie der Kampf ums Dasein aus einem ursprünglich stolzen, geradstämmigen, selb­ständigen Baun: einen kriechenden, sich windenden Schmarotzer zuwege bringt. Bitte, bitte, hilf mir, halte mich, nur ein kleines bescheidenes Plätzchen gönne mir, daß ich auch einen Sonnenstrahl erhäschen kann," fleht das magere, lange, schwindsüchtige Ding zu seinem dicken, großen, umfangreichen Nach­bar, der oben im Sonnenlicht schon seit langem schwelgt und zehnmal mehr Platz einnimmt, als er zum Dasein nötig hat. Doch der will nichts davon