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getan oder nicht? Ist sie schuldig, so wird sie aus Furcht vor den Geistern gestehen. iJn ihrem Schrecken bekennen natürlich auch Unschuldige irgend eine böse Tat begangen zu haben.) Zur Strafe wird ihr nun von den Losangomännern eine entsprechende Buße auferlegt, und sie wird glauben gemacht, das komme von den Geistern. Das ganze Losangowesen ist eben darauf angelegt, die nicht in den Bund Aufgenommenen in beständiger Furcht zu erhalten, um von ihnen Geld und Lebensmittel zu erpressen.
Welch ein Schrecken fährt Frauen und Kindern in die Glieder, wenn sich nachts der Götze auf den Straßen hören läßtl Sie flüchten in die Häuser und verhüllen das Angesicht; denn wehe der Frau, die den Fürchterlichen erblickt — sie muß sterben! Betrachten wir aber das Gespenst näher, so finden wir einen in abenteuerliche Gewänder gehüllten Mann, der auf Stelzen umherhüpft und dabei seltsame Töne ausstößt. Das Dunkel der Nacht läßt seine vorher schon hohe Gestalt als vollendeten Riesen erscheinen. Er versteht auch ein besonderes Kunststück auszuführen. Plötzlich hüpft er nämlich auf den in keiner Ortschaft fehlenden Sprunghügel in der Mitte der Straße zu. Er nimmt einen Anlauf, und im Handumdrehen hat er auf seinen Stelzen an der steilen Seite des Hügels den Tiefsprung ausgeführt und schreitet gravitätisch weiter. Es ist leicht erklärlich, daß durch solche geheimnisvollen Künste abergläubische Leute, wie die Neger sind, in Angst und Furcht gehalten werden.
Bemerkenswert ist der Eifer, den die Losangoleute entfalten, um ihre Kunst, besonders auck den Tiefsprung auf Stelzen, zu erlernen. In Lokumba sehen wir einen regelrecht angelegten Übungsplatz dafür. Ein verschlungen durch den Busch gehauener Weg führt zu dem Platze. Geheimnisvoll liegt er inmitten des dichtesten Waldes. Keines Uneingeweihten Frau verirrt sich hierher. Und was ist zu sehen? Neben einigen menschlichen Figuren befinden sich hier Sprunghügel von verschiedener Höhe. Auch verschieden hohe Stelzen sind in einem hohlen Baume aufbewahrt. Hier üben sich also die Losangomänner und -Knaben im Stelzenlaufen und im Springen in die Tiefe. Haben sie das gründlich erlernt, so machen sie des Nachts einen Ausflug ins Dorf, um die Unkundigen zu erschrecken.
13. Eine liLiclnilckL Sericktsverkanälung.
Am 6. August 1899 starb ganz unerwartet der Oberhäuptling von Ebolova in Kamerun. Nach dem heidnischen Glauben der Neger konnte der plötzliche Tod keine natürliche Ursache gehabt haben. Man nahm allgemein an, der Mann sei vergiftet worden. Dies lag um so näher, als der Giftmord unter den afrikanischen Volksstämmen sehr häufig vorkommt.
Alles war in höchster Erregung, und man war aufs eifrigste darauf aus, den vermeintlichen Mörder, der das Gift gereicht oder durch Zauberkunst den Tod des Häuptlings herbeigeführt hatte, ausfindig zu machen. Denn nur durch Blut konnte die Tat gesühnt und der Geist des Dahingeschiedenen beruhigt werden. Der Häuptling hatte 80 Witwen hinterlassen, und von diesen wurden 17 ergriffen und samt vier jungen Burschen als Pfand festgehalten, bis der Schuldige gefunden wäre und mit dem Tode