61
56. Das heilige Feuer der Bergdamara.
Wir kommen in eine Werft der Bergdamara. Frauen und Kinder sind ins Feld gegangen, um Kost zu suchen. Einige Männer mit schon ergrauten Äaaren sitzen an einem kleinen Feuerchen. Es fällt uns kaum auf, daß der Speisetopf fehlt, und wir wundern uns nicht darüber, daß die Sonne bereits warm genug scheint und ein Feuerchen wohl entbehrlich wäre. Schweigend geht die Pfeife von Mund zu Mund.
Wer ahnt es, daß wir am heiligen Feuer, am sogenannten Sochafeuer, vorbeigegangen sind, und daß die rauchenden Männer in ihrer Weise die vierte Bitte beten: „Unser täglich Brot gib uns heute" ? Nach ihrem Glauben würden nämlich die Feldkost suchenden Frauen und Kinder keinen Erfolg haben, wenn nicht sie, die Dorfältesten, während dieser Zeit rauchend am heiligen Feuer säßen.
Im Monat Januar war es, im großen Monat, wie die Bergdamara sagen. Am Abendhimmel erschien die schmale Mondsichel zum ersten Male. Da ging jener alte runzlige Mann mit den weißen Maaren, der der Küter des Sochafeuers ist, hin und löschte sein Feuer aus, das er das ganze Jahr hindurch nicht hatte ausgehen lassen. Und als am anderen Morgen der Tag graute, nahm er sein Feuerzeug, bestehend aus einem Quirlstock und einer hölzernen Unterlage, zur Kand und setzte sich an eben diese Stätte, die wir sahen, eifrig bemüht, durch schnelles Kin- und Kerquirlen Feuer zu entzünden, wie er es von den Alten gesehen hatte. Er besitzt zwar einen Feuerstein mit Schlagring, auch hat sein Sohn, der aus einer Farm arbeitet, ihm am Sonnabend eine Schachtel Streichhölzer mitgebracht. Aber beide Gegenstände, so sehr er sie sonst auch schätzt, verschmäht er heute; er will ja jetzt mit dem Beginn des großen Monats das Sochafeuer des neuen Jahres entzünden. Und während seine alten .Fände eifrig arbeiten, entfahren seinem Munde wunderliche Laute. Er betet in seiner Sprache:
Q du großer Mond!
Ich möchte in diesem Jahre eine Giraffe schießen!
Ich möchte in meiner Falle einen Elefanten erlegen!
Ich möchte einen Springbock fangen!
Ich möchte reichlich Fcldkost essen!
Ich möchte den Konig der Bäume genießen!
Ich möchte den König der Erde ansgraben!
Laß mich durch dich wohl leben in diesem Jahre!
Q Mond, du großer!