666 Einundzwanzigstes Kapitel. Europa.
Das Hauptinteresse erregt das Königreich Sachsen, dessen Baumwoll- verarbeitung gegen vierhundert Jahre alt ist und sich in allen Zeiten ihres Bestehens durch ihre Rührigkeit, Mannigfaltigkeit und Tüchtigkeit ausgezeichnet hat, während diejenige Schlesiens und Oberfrankens viel jüngeren Datums und im allgemeinen weniger bedeutend ist. Oberfranken besitzt rund 433000, Schlesien dagegen nur 110000 Spindeln. Von der Gesamtspindelzahl Sachsens (1,87 Mill.) entfällt ein reichliches Drittel auf die Vicognespinnerei, die eine Spezialität dieses Landes bildet. Zum Verständnis dieses Begriffes sei bemerkt, dass bei dieser Art Spinnerei dieselbe Methode beobachtet wird wie bei der Streichgarnfabrikation. Näheres über die Entwicklung der sächsischen Spinnerei findet man im Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft 1893, Seite 641 ff. (Aufsatz von R. Martin).
Der nordwestdeutsche Bezirk mit rund 1,72 Mill. Spindeln, vgl. Fig. 224, zerfällt in die westfälische und die rheinländische Abteilung, die sich einander bezüglich der Spindelzahl fast gleich stehen. Die westfälische Abteilung, in der Hauptsache in den Thälern der mittleren Ems und der oberen Vechta gruppiert, mit Gronau und Rheine als Hauptorten, reicht stellenweise bis unmittelbar an die holländische Grenze heran, jenseits deren sofort der holländische Spinnereibezirk beginnt mit Plätzen wie Enschede und Oldenzaal. Anderseits steht die westfälische Gruppe mit der rheinischen durch Orte wie Bocholt und Dorsten in Verbindung. Die obengenannte hat ihren Hauptsitz auf der linken Rheinseite, namentlich am Oberlaufe des Flüsschens Niers. Hier liegen auch die Städte Rheydt und München-Gladbach, die einzigen, deren Spindelzahl die Summe von 100000 übersteigt.
Schliesslich noch ein Wort von den in der Diaspora befindlichen Spinnereien; es sind diejenigen von Giebichenstein, Magdeburg, Grohn bei Vegesack, Hannover-Linden, Brahmsche bei Osnabrück und Christianstadt am Bober; die meisten derselben sind auf Karte Fig. 217 verzeichnet.
2. Handel mit Baumwolle und Fabrikaten daraus.
Der Umsatz in Baumwolle und Baumwoll-Fabrikaten gehört gegenwärtig zu den wichtigsten Zweigen des deutschen Gesamthandels, von dem er im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts jährlich fast den sechszehnten Teil dem Werte nach ausmachte; stellte er doch im Jahre 1900